Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 11.10.2022 Hintergrundwissen

    Von Fotos, Narrativen und Manipulation...

    ... oder den guten alten Zeiten, als Fälschungen noch auffliegen konnten.






    Computerprogramme wie DALL-E 2 werden beworben mit Aussagen, die den fotografieaffinen Betrachter erschaudern lassen können. Hier ein Beispiel: „DALL·E 2 is a new AI system that can create realistic images and art from a description in natural language“

    In einem Satz werden die manipulativen und kreativen Möglichkeiten des von OpenAI entwickelten Computerprogramms ohne jede ethische oder sonstige Differenzierung angepriesen.

    Realistische Fotos versprechen Wahrheit und Realitätstreue. Wir glauben gerne an die Beweiskraft von Bildern. Wir erwarten von realistischen Bildern einen hohen Realitätsgehalt. So unser Reflex beim Betrachten einer Fotografie.

    Kunst gehört in die Welt der Fiktion. Der Realitätsbezug der Kunst liegt darin, dass sie Realität nicht abbildet, uns aber Auskunft gibt über das menschliche Dasein. Im einem übertragenen Sinne. Das ist der Anspruch der Kunst. Das erwarten wir von einem guten Roman oder einem Gemälde.

    Natürlich wissen wir, dass Fotografie immer schon viel mit Wahrnehmung zu hatte. Theorien der Fotografie beschäftigen sich mit der Frage, ob Bilder Realität abbilden oder konstruieren. Hinter Fotografien kann sich eine Wirklichkeit verbergen, die ganz anders ist als das Abgebildete. Aber es gibt immer etwas Abgebildetes, immer einen Augenschein, der der Annahme  im Wege steht, dass es sich bei der Fotografie um eine vollständige Simulation von Realität handelt. Zumindest gab es das bislang.

    Programme wie DALL-E 2, mit denen man über eine Texteingabe ein realistisch anmutendes Bild erzeugen kann, beseitigen den letzten kategorialen Unterschied zwischen Fotografie und Malerei. Es wird in Zukunft keine sogenannte Dokumentarfotografie mehr geben, weil auch solche Fotos potentiell über Texte generiert werden können. Der Fotojournalist kann am heimischen Computer passende Bilder ohne Kamera und nur mit Hilfe von Texteingaben von einer Flüchtlingskrise erstellen, die die Empörungsbereitschaft einer flüchtlingskritischen Öffentlichkeit bedienen.

    Und wir werden uns irgendwann einmal an die „guten“ alten Zeiten erinnern, als Militärdiktaturen Bilder fälschen ließen, um besser dazustehen. Denn zu der Zeit gab es sie ja noch, die originale Aufnahme des Fotografen, die etwas fotografisch Abgebildetes zeigte, das natürlich immer schon mit Vorsicht konsumiert werden musste. Und es bestand zumindest die Chance, dass ein Schwindel auffliegt.

    Aktuell wird an ein Foto erinnert, dass die argentinischen Militärdiktatur fälschen ließ. Ende der 70er  Jahre bis etwas 1983 demonstrierten aufgebrachte Mütter und verlangten Auskunft über den Verbleib ihrer Söhne. Die Militärs hatten tausende von Menschen aus Flugzeugen geworfen oder sich auf andere Weise unbequemer Mitbürgern entledigt. Die brutalen Methoden wurden erst später offen gelegt.

    Ein Foto zeigt den Polizisten Carlos Enrique Gallone, der eine Mutter, Susa de Leguia während einer Demonstration tröstet. Das Ereignis fand im Juni 1982 statt. In Wirklichkeit hatte er versucht, die vorstürmenden Mütter aufzuhalten und zu diesem Zweck ihren Kopf festgehalten. Das Foto wurde von den Militärs um die Welt gesendet mit dem Hinweis: “A police officer, in charge of repressing the mothers — who have been demanding answers about their disappeared loved ones for years — comforts one of the 10,000 people who participated in the March for Life.” Ein verharmlosendes Narrativ, dass die Militärs in einem besseren Licht erscheinen lassen sollte.

    Der Fotograf Marcelo Ranea gab vor seinem Tod 2021 die Fälschung zu: “It was a fraction of a second during which Susana de Leguía and Commissioner Gallone confronted each other. She punches him in the chest and, to stop her hysteria, the guy held her in place for half a second at most. It was a very short interaction,”

    Es hatte also 40 Jahre gedauert, bis das Narrativ zum Foto als Fälschung entlarvt werden konnte. Mit DALL-E 2 und anderen KI-gestützten Programmen hätte man das Originalfoto ganz sicher noch mehr in Richtung der Anmutung eines trostspendenden Polizisten verändern können. Oder gleich aus dem Fundus von Bildern, die anläßlich der Demonstrationen gemacht wurden, eine völlig neues Bild generieren können, das nichts „abbildet“ und damit eigentlich auch kein Foto im klassischen Sinne mehr ist.

    Christoph Linzbach