Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 04.07.2022 Hintergrundwissen

    Ein bemerkenswertes Urteil des Obersten Gerichtshofes von Massachusetts USA

    Traumata über Generationen hinweg mit Folgen






    Thamara Lanier stammt nach eigenen Angaben von einem Sklaven ab, dessen Porträtfoto in den USA vor allem in geschichtswissenschaftlichen aber auch anderen Kontexten vielfach publiziert wurde. Das Foto ist Teil einer Serie von Daguerrotypien, die einen als  Renty Taylor identifizierten Mann und seine Tochter Delia Taylor zeigen.

    Die Harvard Universität sieht sich im Besitz der Bildrechte. Das Porträt gilt heute als eine der ersten fotografischen Darstellungen eines Sklaven in den USA.

    Konträr zu der Entscheidung einer nachgeordneten Instanz hat das oberste Gericht des Bundesstaates Massachusetts jetzt entschieden, dass die Nachfahrin Harvard wegen der seelischen Belastung (emotional distress), die dieses Foto bei ihr auslöst, verklagen darf. Der Vorwurf, dass dass Foto “negligent and indeed reckless infliction of emotional distress” bei der Klägerin und ihrer Familie auslöst, sei begründet. In dem Wort "negligent" steckt der Vorwurf der Fahrlässigkeit. Die Universität habe es versäumt, die Klägerin zu kontaktieren, bevor sie das Foto auf einem Buchdeckel präsentierte und als Material in einer Fachkonferenz verwendete.

    Andererseits entschied das Gericht, dass der Vorfahr der Klägerin selbst keine Recht an dem Foto  habe. “A descendant of someone whose likeness is reproduced in a daguerreotype would not therefore inherit any property right to that daguerreotype,”.

    Bemerkenswert ist die Reaktion der Universität. Die Sprecherin kündigte zunächst die gründliche Prüfung des Urteils an, versicherte aber zugleich, dass das Original sicher im Archiv der Universität liege,  nicht öffentlich gezeigt werde und in den letzten 15 Jahren auch nicht an andere Institutionen ausgeliehen wurde. Wegen seiner Zerbrechlichkeit, versteht sich.

    Die Beschäftigung mit dem kolonialen Erbe der Universität sei eine wichtige Aufgabe und man sehe sich als verantwortungsbewusster Verwalter der vielen Objekte, die sich im Besitz der Universität befinden.“Harvard also strives to be an ethical steward of the millions of historical objects from around the globe within its museum and library collections.” Was auch immer das heißt. Da kommt wohl noch viel Arbeit auf die Universität zu.

    Harvard hat kürzlich in einem Bericht über die Verwicklungen der Universität in die US-amerikanische Sklavenhaltung angekündigt, 100 Mio Dollar für Studien zu diesem Thema zur Verfügung zu stellen ebenso wie für die Unterstützung von Nachfahren. Der Bericht hatte  detailliert aufgelistet, in welcher Weise die Universität und ihr Personal von der Sklavenhaltung profitierte. Die Fakultäten und leitenden Persönlichkeiten hatten mehr als 70 Sklaven, finanziert mit Universitätsgeldern zwischen 1636 to 1783. Nach Einschätzung  der Universität wohl eine massive „Untertreibung“.

    “Enslaved men and women served Harvard presidents and professors and fed and cared for Harvard students,” so der Bericht “Moreover, throughout this period and well into the 19th century, the University and its donors benefited from extensive financial ties to slavery.”

    Der Präsident der Universität kommentierte den Bericht mit folgenden Worten. “Consequently, I believe we bear a moral responsibility to do what we can to address the persistent corrosive effects of those historical practices on individuals, on Harvard, and on our society,”

    Christoph Linzbach

    https://www.ctinsider.com/news/article/Mass-Supreme-Court-rules-Norwich-woman-can-sue-17262188.php

    https://apnews.com/article/harvard-report-slaves-descendants-5d8b01eac53fba1a58725e9de6eaa78b

    https://apnews.com/article/education-race-and-ethnicity-racial-injustice-native-americans-slavery-0d875b48e3fa051365702279931e2961

    https://www.mass.gov/files/documents/2022/06/23/e13138.pdf