Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 12.06.2022 Hintergrundwissen

    Die Fotoszene in Deutschland Teil I …

    … ist lebendig und vielfältig





    Was ist eigentlich gemeint, wenn man den Begriff Fotoszene verwendet. Die Szene ist die kleinste Gliederungseinheit des Dramas. Ein Theaterstück bringt soziale Interaktion auf die Bühne. Die Figuren bespielen und verhandeln ein Thema. Im Theater steht Szene für eine definierte Einheit von Zeit, Raum und Figuren. Der Begriff Szene wird aber auch im Sinne eines sozialen Netzwerkes verwendet. Es geht hier um einen Sozialisationsraum, der durch gemeinsame Interessen und Vorhaben gekennzeichnet ist. Netzwerke sind nicht inszeniert wie ein Drama, haben etwas offen Prozesshaftes und sind idealerweise offen für alle, zumindest dann, wenn sie demokratisch orientiert sind. Aber auch sie bedürfen bei aller Volatilität einer gewissen Struktur, die den Zusammenhang aufrecht erhält. Den Vergleich zwischen beiden Begriffsverwendungen könnte man als akademische Übung weiterführen. Es sollte aber bereits jetzt deutlich geworden sein, was eine Fotoszene ausmachen kann.

    Fotoszenen als Netzwerke sind Interaktionsgeflechte für  Fotografieinteressierte. Sie treten mit gemeinsamen Vorhaben in das Licht der Öffentlichkeit. In diesem Sinne kann man von Fotoszenen auf der lokalen, regionalen Ebene und auf der Ebene des Bundes sprechen. Der 2021 gegründete Deutsche Fotorat ist ein Beispiel für ein bundesweites Netzwerk. Der Verein fotoszene nürnberg e.V. – forum freier fotografen ist ein Zusammenschluss von professionellen Fotograf:innen, die sich intensiv mit der künstlerischen Fotografie auseinandersetzen. Es gibt vielfältigste Netzwerke sprich Szenen auf allen Ebenen, die höchst unterschiedlich aufgestellt und organisiert sind.

    As Fotoszene kann aber schlicht auch die Summe der Fotografieinteressierten in einer Stadt oder einer Region bezeichnen, ohne das eine Bindung oder  Kooperation der Akteure besteht.  Darin liegt ein wenig das Dilemma des Begriffs. Die direkte Verbundenheit zwischen den Netzwerkbeteiligten kann variieren, sie können auch allein dadurch „verbunden“ sein, dass sie sich mit demselben Thema beschäftigen, aber ansonsten nichts miteinander zu tun haben. Hier dürfte es schwierig werden, noch von einem Netzwerk zu sprechen.

    Wir möchten euch gerne die Fotoszenen in Deutschland in unregelmäßig erscheinenden Beiträge näher bringen. Ihre unfassbare Vielfalt und Lebendigkeit steht dabei im Vordergrund. Es ist klar, dass wir den jeweiligen Szenen nicht vollständig gerecht werden können. Es geht um Einblicke, die Lust auf mehr machen, dass hier nicht geleistet werden kann.

    Beginnen wir mit der der 8. Ausgabe der Triennale der Photographie Hamburg 2022, die das Thema Currency nutzt, um zum Nachdenken über die heutige Macht der Fotografie einzuladen, Bedeutung über Distanzen hinweg zu vermitteln und in Beziehung zu setzen. Die Ausweitung dieses ökonomischen Begriffs auf Kunst und visuelle Kultur führt zu einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit Fotografie und ihrer Beziehung zur Kanonisierung, Klassifizierung, Zirkulation, Wissensproduktion und visueller Autonomie. So der Text der Triennalemacher:innen.

    Ein breit angelegter inhaltlicher Anspruch, der die Beteiligung einer Vielzahl von Akteuren erfordert. Und so ist es auch. Die Triennale in Hamburg greift weit über Hamburg hinaus. Biennale oder Triennale sind temporäre Fotoszenen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie über den Ort, an dem sie stattfinden, hinausreichen. Es gibt sie mittlerweile an zahlreichen Orten. Eine beachtliche Zahl Hamburger Institutionen nimmt teil und sichert die lokale Verankerung. Die Hamburger Fotoszene geht zeitweise in der 8. Triennale auf. In der Festivalwoche wurde die Triennale Expanded eröffnet, eine Plattform, die sich der Hamburger Fotografieszene widmet, die Austausch und Begegnungen in der ganzen Stadt ermöglicht. Die 8. Triennale ist eine Interaktions- und Gestaltungsgeflecht, dass lokale und internationale Akteure verbindet, weit über den lokalen Raum hinweg in Erscheinung tritt, wahrgenommen wird und Wirkung entfaltet. Eine temporäre im positiven Sinne entgrenzte höchst spannende Fotosszene, die man sich unbedingt vor Ort in Hamburg anschauen sollte. Mein persönlicher Tipp ist folgender: Beginnt euren Besuch im Epizentrum der Hamburger Fotoszene, in den Deichtorhallen, Haus der Photographie, die aktuell die Ausstellung Currency: Photography Beyond Capture zeigen. Der brennpunkt wird im Herbst einen ausführlichen Rückblick auf die 8. Triennale in Hamburg geben.

    Christoph Linzbach

    https://phototriennale.de/de/#overview