Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 08.06.2022 Hintergrundwissen

    Sibylle Fendt…

    …..im f3 - freiraum für fotografie in Berlin



    Der  Ausstellungsort für internationale Autori:innenfotografie in Berlin gelegen in der Nähe des Oranienplatzes in Berlin-Kreuzberg wird seinem Auftrag mit der aktuellen Ausstellung SIBYLLE FENDT _: * PORTRÄTS VON KÜNSTLER:INNEN, die noch bis zum  19. Juni läuft, wieder einmal überzeugend gerecht.

    Sibylle Fendt ist eine herausragende Fotografin, die für Magazine und Unternehmen im Bereich Porträt- und sozialdokumentarische Fotografie arbeitet. Sie unterrichtet Fotografie seit 2007. Und sie arbeitet  kontinuierlich an freien Langzeitprojekten, die international ausgestellt werden. Das sind die drei Tätigkeitsschwerpunkte der Sibylle Fendt. Das alle unter einen Hut zu bringen, ist nicht leicht, erfordert höchste Einsatzbereitschaft und eine gute Organisation des Berufsalltags.

    Hinter der Bezeichnung Fotografin verbirgt sich bei ihr wie bei vielen anderen Fotograf:innen viel mehr, als die Öffentlichkeit mit dem Berufsfeld im allgemeinen verbindet. Da wir uns alle für begabte Bildermacher halten, scheint die Befähigung zum Fotografieren irgendwie angeboren zu sein oder reiner Automatismus, den man in der Kindheit wie selbstverständlich erwirbt. Das Berufsbild der Fotografin hat in der deutschen Öffentlichkeit kein hohes Ansehen. Viele machen sich keine Vorstellungen von dem Anforderungsprofil, das eine Fotografin erfüllen muss, um sich zu behaupten. Viele tanzen auf vielen Hochzeiten und sind zunehmend härteren Marktbedingungen und oft gnadenlosen Auftraggebern ausgeliefert. Das Berufsfeld ist im Wand und die Unsicherheiten was die Zukunftsaussichten angeht, sind größer denn je. Auch aus diesem Grund sollte mach sich beim Besuch einer Ausstellung, die gute Fotografie zeigt, auch immer mit dem Werdegang und dem Profil der Fotograf:innen beschäftigen. Auch das hilft, Wertschätzung zu entwickeln.

    Sibylle Fendt (*1974 in Karlsruhe) absolvierte zunächst ein Studium an der Universität in Karlsruhe von 1993 bis 1995 in den Fächern Kunstgeschichte, Soziologie und Philosophie. Im Anschluss daran studierte sie Fotografie an der Fachhochschule Bielefeld vom 1996 bis 2002.  Sie machte ihr Diplom bei Prof. Roman Bezjak. Von 2004 - 2006 war sie Gaststudentin am Städel, Frankfurt am Main bei Prof. Wolfgang Tillmans. Folgende Lehraufträge sind zu nennen:  2007 - 2008  an der Hochschule Anhalt, Fachbereich Design, Dessau, 2010 - 2011 an der Kunsthochschule Berlin–Weissensee, von  2013 - 2014  an der Fachhochschule Bielefeld, FB Design und an der Hochschule Hannover von 2016 - 2020. Seit 2010 ist sie Mitglied der Agentur OSTKREUZ und unterrichtet seit 2008 Fotografie an der Ostkreuzschule, Berlin.

    
Der f3 - freiraum für fotografie begnügt sich nicht damit, eine beeindruckende Serie von Sibylle Fendt zu zeigen.  Seit 2021 porträtiert sie Künstler:innen, Schauspieler:innen, Autor:innen, Musiker:innen und Filmemacher:innen. Die Ausstellung zeigt schlichte, schöne Porträts, die unaufgeregt undramatisch inszeniert sind. Gut aber nicht aufwendig komponiert. Sie entstehen im Moment der Begegnung zwischen Fotografin und Künstler:innen. Sind nicht wochenlang vorgeplant. Sie betritt eine Wohnung, den privaten Lebensraum eine Künstlerin, den sie so nicht erwartet hat. Sie entdeckt vom Balkon aus die umliegenden Plattenbauten und nutzt spontan den Kontrast zwischen farbigem weit geschnittenem Kleid und trister Plattenbauarchitektur für das Porträt. Einige Doppelbelichtungen sind zu sehen, auch eher unaufwendig und klar. Samt und sonders feministische Positionen wobei immer die Persönlichkeit im Vordergrund steht.

    Das Begleitprogramm zur Ausstellung bietet einiges, dass man unbedingt mit einem Besuch koppeln und nutzen sollte. Die Führung mit der Fotografin war ein echter Genuss. Sie erzählt so straight, so klar und bestimmt wie ihre Porträts fotografiert sind. Dankbar für jede Nachfrage, die es ihr ermöglicht, den Zuhörer:innen wieder neu Aspekte, neue Dimensionen ihrer Kunst offenzulegen. Sie war nicht gleich zu Beginn ihrer Karriere feministisch unterwegs, sagt auf Nachfrage, dass sie sich ein wenig dafür schämt. Vor allem vor dem Hintergrund der demütigenden Erfahrungen, die sie als junge Fotografin gemacht hat. Wenn der Bildredakteur mit der schwangeren Fotografin grundsätzlich im Stehen das Mittagessen einnimmt. Und sie ständig spüren läßt, dass sie eine Frau ist, die sich erlaubt, als Berufstätige schwanger zu sein. Sie bedauert, dass sie diese Erfahrungen nicht früher reflektiert und sich gewehrt hat.

    Das erinnert mich an einen Podcast mit Katharina Bosse zur Ausstellung Family Affairs, die in den Deichtorhallen in Hamburg 2021 lief. Mutterschaft und eigenes Werk sind für Fotografinnen auch heute noch eine besondere Herausforderung. Für  viele Fotografinnen sind Gleichstellung, Beruf und Familie nicht voneinander zu trennen. Der Fotograf:innenkarriere werden immer noch hohe Hürden in den Weg gelegt. Sibylle Fendt kann von Erfahrungen berichten, die einen erschüttern lassen. Katharina Bosse wurde von einem Fotografen gesagt, dass Frauen auch Fotografinnen sein können, dann könnten sie aber keine Kinder haben. So mancher Protagonist der Kunstwelt gibt sich gerne avantgardistisch, bevorzugt im realen Leben aber die Pflege seiner rückständigen Befindlichkeit und Weltsicht. Der #FEMINISTWEDNESDAY mit Sibylle Fendt wird am 15. Juni zum dritten Mal angeboten. Eine Lesung mit den Autor:innen Fatma Aydemir, Hengameht Yaghoobifarah und Sasha Marianna Salzmann. Sibylle Fendt merkt an, dass sie gerne jeden Mittwoch im Ausstellungsverlauf zum #FEMINISTWEDNESDAY gemacht hätte. Das Interesse war leider nicht groß genug!


    Christoph Linzbach

    https://fhochdrei.org/