Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 05.05.2022 Hintergrundwissen

    Bletchley Park

    From cosy to creepy




    Bletchley Park ist ein Landsitz in der englischen Stadt Bletchley in der Grafschaft Buckinghamshire. Wer London besucht, sollte einen Trip in das 70 Meilen entfernte in nordwestlicher Richtung liegende Museum Bletchley Park in Erwägung ziehen. Den Besucher erwarten spitz­gie­belige Erker,  gedrungene Türm­chen, Zinnen und ein steinerner Greif vor dem Eingang also eine etwas ku­rio­se viktorianische Stilmischung. So viel zur Architektur, die nicht unbedingt auf die Darstellung der Geschichte des britischen Geheimdienstes verweist, der sich das Museum widmet. So viel vorab zum Thema fotografieren: „Visitors are welcome to take photographs on site for their own private use. For commercial use, permission is required in advance and charges will apply. Please contact us to arrange permission.“

    Es gibt es im Inneren Neues zur glorreichen britischen Vergangenheit zu besichtigen, so das Versprechen der Betreiber des Museums, das Zugang bietet zu einer wichtigen historischen Episode des Vereinigten Königreichs. Ab dem 28.04.2022 ist „The Intelligence Factory“ eine neue multimedial gestaltete Ausstellung zur sagenumwobenen Entschlüsselung der nicht weniger mystifizierten Enigma  im Museum zu besichtigen. „Be among the first to experience this major new exhibition and immerse yourself in a part of the Bletchley Park story, not told before on site.“

    Die Website wirbt zudem mit dem Satz:  „Discover the incredible achievements of Britain's World War Two Codebreakers, in the place where it happened.“  Aus dieser Aufforderung spricht Stolz auf, wie auch Verklärung der Leistungen der zentralen militärischen Dienststelle abgekürzt B.P., die mit der Entzifferung des deutschen Nachrichtenverkehrs befasst war. Wer keine Gelegenheit zum Besuch hat, kann sich auf der informativen Website umschauen.

    Der Kult der Briten um die Heldinnen und Helden von Bletchley Park kennt fast keine Grenzen. Das kann man Ihnen nicht wirklich verdenken, denn umgekehrt gab es auf deutscher Seite einen Kult um die Enigma, deren Codes als nicht entschlüsselbar galten, was ja bekanntlich mit unbesiegbar gleichgesetzt wurde. Im Januar 1940 entziffern die Krypto­logen von B.C. die erste Enigma-­Meldung des Krieges.

    2020 erschien die erste offiziell autorisierte Geschichte der Enigma. Professor John Ferris von der Universität Calgary, der das Buch: Behind the Enigma. The Authorized History of the GCHQ (Government Communications Headquarters) sagte in einem Interview mit der BBC das B.C. eine wichtige Rolle in der Nachrichtenaufklärung im Zweiten Weltkrieg spielte, aber „Bletchley is not the war winner that a lot of Brits think it is“ Audible hat das Werk in ein Hörbuch übersetzt. Bitte aber etwas Zeit mitbringen: Spieldauer über 30 Stunden.

    In Bletchley Park waren tausende von Männer und Frauen im Auftrag des britischen Geheimdienstes mit den Funksprüche der deutschen Wehrmacht befasst, die mithilfe der  Chiffrier­maschine »Enigma« verschlüsselt waren. Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass etwa 8000 der insgesamt auf B.C. tätigen 10.000 Personen Frauen waren. Die Rolle der Frauen wird erst seit den 1990er Jahren anerkannt und aufgearbeitet. Bei der Anwerbung von Mitarbeiterinnen für B.C. wurde in der Regel auf Personen aus der Mittel- und Oberschicht zurückgegriffen, weil diese als vertrauenswürdig galten. Es wurden in der Anwerbung teilweise aus heutiger Sicht kurios erscheinende Wege gegangen. 1942 veranstaltete der Daily Telegraph einen Wettbewerb, bei dem ein kryptisches Kreuzworträtsel innerhalb von 12 Minuten gelöst werden musste. Einige der Gewinnerinnen landeten nach Ansprache durch den Geheimdienst in B.C. Viele der dort tätigen Frauen hatten Abschlüsse in Mathematik, Physik und Ingenieurwissenschaften.

    Die Architektur des Gebäude macht wie eingangs angedeutet eine gemütlichen Eindruck. Cosiness ist das englische Wort, das auch Teile der bisherigen Ausstellung charakterisiert. Das Ausstellungsdesign ist in der Tat traditionell und wirkt gemütlich. Das Design der Intelligence Factory versucht die Anmutung der Erzählung ins 21. Jahrhundert zu transportieren, ohne die Rolle des heutigen Geheimdienstes auch nur ansatzweise zu hinterfragen. Vielmehr konzentriert man sich darauf, die Geschichte des Geheimdienstes als unproblematisch und ohne Brüche zu erzählen. Eine Verurteilung durch den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof wegen des illegalen millionenfachen Ausspähens privater Daten passt also nicht so recht in dieses Bild. Der Guardian berichtete 2013 „The UK spy agency GCHQ’s methods for bulk interception of online communications violated the right to privacy and the regime for collection of data was unlawful, the grand chamber of the European court of human rights has ruled“  Wer sich daran erinnert, den beschleicht dann doch bei einigen Installationen, die die Leistungsfähigkeit des heutigen britischen Geheimdienstes abfeiern, ein ungutes Gefühl. Man könnte formulieren „cosy turns into creepy“ und es erscheint dann nicht mehr überzeugend, den britischen Geheimdienst als eine nahtlose Fortsetzung des antifaschistischen Kampfes im Zweiten Weltkrieg zu glorifizieren. Ein Besuch sollte sich dennoch lohnen. Es gibt viel zu sehen und zu fotografieren.

    Christoph Linzbach



    https://www.audible.de/pd/Behind-the-Enigma-Hoerbuch/1526616998?gclid=EAIaIQobChMI4reW_ai59wIVUpBoCR0Q9w9kEAAYAiAAEgKF7PD_BwE&source_code=GAWOR12604212090BN&ipRedirectOverride=true&ef_id=YmvgfAAAAMwwYgP0:20220429125628:s

    https://bletchleypark.org.uk/

    https://www.geo.de/magazine/geo-epoche-kollektion/20905-rtkl-zweiter-weltkrieg-operation-enigma-der-stille-kampf-der