Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 14.02.2022 Hintergrundwissen

    Jorge Ribalta in Madrid anschauen…

    … denn die Zeit des Reisens kehrt zurück




    Die 1975 gegründete FUNDACIÓN MAPFRE zeigt in Madrid aktuell Fotografien des Multitalents Jorge Ribalta. Er gehört zu dem wenigen Akteuren der spanischen und internationalen Kunstwelt, der sich einen Namen gemacht hat als Kritiker, Kurator und Kulturmanager. Er ist wissenschaftlich unterwegs und als Herausgeber von Büchern aktiv. Und das alles auf einem hohen Niveau.

    Ein kleiner Ausschnitt aus seinen vielfältigen Aktivitäten. Bis 2009 war Jorge Ribalta Leiter der Abteilung für öffentliche Programme des Museums für zeitgenössische Kunst in Barcelona (MACBA). Daneben arbeitete er für die  Zeitung La Vanguardia und beriet  die Fotosammlung des Verlags Gustavo Gili. Er veröffentlichte mehrere Bücher über Fotografie wie Paradigmas fotográficos en Barcelona, 1860-2004, El movimiento de la fotografía obrera, 1926-1939. Ensayos y documentos und La fotografía en el pensamiento artístico contemporáneo.

    „Alles ist wahr. Fiktionen und Dokumente (1987-2020)“ lautet der Titel der ersten Gesamtpräsentation der fotografischen Arbeiten von Jorge Ribalta, dem wir  eine Vielzahl  besonders symbolträchtiger Bilder verdanken. Der Titel bezieht sich auf einen nicht vollendeten Dokumentarfilm von  Orson Welles „It`s All True“, der die Geschichte armer Fischer aus Brasilien erzählt, die sich aufmachen, die Welt zu verändern und gegen soziale Ungerechtigkeiten kämpfen. Orson Welles konzipierte den Film als Mischung aus Dokumentation und Dokufiktion. Der Film kam in den USA nicht zur Aufführung, weil er angeblich die Realität in Brasilien nicht angemessen widerspiegele. Die Aufführung wurde von der Regierung unterbunden.

    Ribalta begann seine Karriere als Fotograf Ende der 80er Jahre,  die in zwei Phasen eingeteilt werden kann. Zunächst konzentrierte er sich darauf, mit poetischen Bilder die mit Hilfe der  Fotografie konstruierte Realität und deren „scheinbaren“ Naturalismus zu interpretieren, zu erforschen und zu demaskieren. Der fotografische Naturalismus als Ergebnis eines Herstellungsprozesses. Er beschäftigte sich mit der Frage, wie die Fotografie ihre naturalistische Anmutung zustande bringt. In seiner poetischen Phase fotografierte in der Einsamkeit seines Studios mit eine großformatigen Plattenkamera kleine Figuren, mit deren Hilfe er neue Welten erschuf. Ab 2005 ging er einen gänzlich anderen Weg, trat in die reale Welt hinaus und widmete sich dem Thema der Neuerfindung der Dokumentarfotografie. Das Stativ mit der Plattenkamera blieb im Stadion zurück. Eine Zeitschrift betitelt ihren Artikel über seine Werkschau treffen mit:“ Jorge Ribalta, the photographer for whom everything is true, even fiction“. Die schwammige Trennlinie zwischen Dokumentation und Fiktion zieht sich als Thema durch sein gesamtes Werk und bildet die Brücke zwischen den Schaffensperioden. Zunächst konstruiert er Wirklichkeiten. Dann stellt er die klassische Frage, ob die Fotografie Wahrheit abbilden kann. Er bezweifelt nicht die Fähigkeit der Fotografie Wahrheiten zu dokumentieren, will aber darauf hinweisen, dass Wahrheiten selbst Konstruktionen in einem historischen Kontexten sind.

    Der Fotograf argumentiert wie folgt: “This opposition, quite simplistic and Manichaean, between image constructed in a discourse in which photography lies, very typical of the 80s and 90s. Versus the idea that photography tells the truth, which is the entire documentary tradition. Somehow, we see how within photographic realism there is this dimension of fiction, fantasy, delusion and where this opposition, apparently clear, becomes less clear”

    In 11 Räumen eines mehr als ansehnlichen Gebäudes der Stiftung, der Recoletos Exhibition Hall, Paseo de Recoletos, 28004 Madrid,Mon 14-20, Dienstag bis Samtga 10-20, Sonntag 11-19 ist die Ausstellung bis zum 8. Mai zu sehen.

    Christoph Linzbach

    www.fundacionmapfre.org