Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 09.02.2022 Hintergrundwissen

    Sabine Jaehnke

    Fernweh, Fotografie und ein Wunder





    Auf der BCC Website Travel werden Geschichten erzählt für Leser, die mehr über ferne Ort erfahren und wenn möglich diese bereisen möchten. Die Briten selbst ein reiselustiges Volk halten die Deutschen für die eigentlichen Reiseweltmeister, was in deren Sprache seinen Ausdruck fände. Der Autor eines Blog-Beitrags auf BBC Travel macht auf seinen Reisen regelmäßig die Erfahrung, dass selbst an den entlegensten Orten ein Deutscher wie selbstverständlich hinter der nächste Hausecke auftauche und den Eindruck erwecke, dass er schon länger vor Ort sei.

    Das klingt nach Provokation. Haben wir die Briten mit unserer Reisetätigkeit und dem entsprechenden Vokabular etwa beleidigt? Das das Wort „wanderlust“ in die englische Sprache Eingang gefunden hat, schmerzt viele Briten. Steht jetzt die nächste Übernahme an? Das in Coronazeiten so passende und viel verwendete Wort Fernweh hat kein Pendant in der englischen Sprache für das Bezeichnete:

    „Meet fernweh. Marrying the words fern, or distance, and wehe, an ache or sickness, the word can be roughly translated as “distance sickening” or “far woe” – a pain to see far-flung places beyond our doorstep. Think of it as the opposite of heimweh (homesickness). It’s an ache many of us have felt but hitherto we didn’t have a word to describe it. We do now…..Fernweh actually grew out of wanderlust, a popular word in the 19th-Century German romantic movement which valued a love of nature that stemmed from a sudden Teutonic interest in exploring Central Europe’s forests and untrammelled landscapes.“ Zitat aus BBC Travel

    Schiller und Goethe kannten das Wort Fernweh nicht. Im Grimmsche „Wörterbuch“ kommt es nicht vor. Bei den Gebrüder Grimm tauchen Wörter wie „Wanderlust“, „Reisefieber“ und „Reisewut“ auf. Fürst Pückler-Muskau gilt als der Wortschöpfer. Er verwendete das Wort Fernweh in seinen Reiseerzählungen ab 1835. Das 19. Jahrhundert war von raumausgreifenden Ideen geprägt, die sich des Begriffs Fernweh nur allzu zu gern bedienten und ihn inhaltlich prägten.

    Bis heute bleibt der Begriff  semantisch unscharf. Dass Wort Fernweh kommuniziert Gefühle, die wohl erst mit der Romantik entstanden. In der Antike und vor dem 18. Jahrhundert gab es das entsprechende Phänomen nicht. Tourismuskataloge kommen heute ohne das Wort Fernweh nicht aus. Es signalisiert eine Gemütslage, die sowohl ein Verlangen nach Ferne bezeichnet wie auch ein Unbehagen an der Gegenwart, an der aktuellen Verortung. Kein Wunder, dass es in vielen Sprachen kein Wort für dieses noch junge Phanomen gibt.

    Welche Gemütslage hat Sabine Jaehnke wohl mit dem Begriff Fernweh verbunden? Welche Träume träumt ein junges Mädchen in einem DDR-Jugendzimmer? Sie kennt die fernen Länder nicht oder nur dem Namen nach, nach denen sie sich sehnt. Was überwiegt: Die Sehnsucht nach der Ferne oder das Unbehagen an der Gegenwart?

    Sabine Jaehnke machte in der DDR eine Ausbildung zur Bauingenieurin. Fotografie war auch damals schon ihre Leidenschaft.  Sabine Jaehnke hat in einem existentiellen Sinne früh begriffen, dass sich Fernweh wohl kaum besser abbilden läßt als durch Briefe, die von a nach b reisen und damit die Existenz des unbekannten Sehnsuchtsortes belegen. 2016 wurde sie in der Meisterklasse von Ute Mahler und Ingo Taubhorn an der Ostkreuzschule für Fotografie aufgenommen. Kurz vor Beendigung ihrer Diplomarbeit „Funafuti“, die auf weit gereisten Briefen aus ihrer Jugendzeit basiert, stirbt sie.

    „Funafuti“ ist erwachsen aus einem Fernweh, das nicht in Reisen in ferne Länder münden konnte. Sabine Jaehnkes Ortsgebundenheit war absolut. Sie suchte nach Wegen und Mitteln, sich der Existenz der Welt da draussen zu versichern. Der Postweg als Ersatzbefriedigung und Rückversicherung darüber, dass Fernweh mehr ist als eine Gefühlslage und eine Entsprechung im realen Leben hat. Ihre Briefe an nicht existierende Anschriften in ferne Länder sollten an den Absender zurückkommen. Wer in Freiheit lebt, kommt eher nicht auf solche Ideen und kann damit  auch nicht ein solches Wunder wie „Fanafuti“ zustande bringen. Fernweh ist Lebenselixier, nicht nur für in Freiheit lebende Fotografinnen und Fotografen. "Funafuti" verleiht dem Fernweh Gestalt.

    Christoph Linzbach

    https://www.bbc.com/travel/article/20200323-the-travel-ache-you-cant-translate

    Sabine Jaehnke und Göran Gnaudschun: "Funafuti"
    Erschienen 2021 bei Fotohof edition
    Sprache: deutsch und englisch
    Format: 26 x 19 cm
    Preis: 35 Euro
    ISBN: 978-3-903334-31-1