Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 25.01.2022 Hintergrundwissen

    Bernhard Langerock in Essay und Diskurs...

    und die neue Seidenstrasse und noch viel mehr...




    Essay und Diskurs am Sonntagmorgen ist eine Sendung des Deutschlandfunks, die sich fast immer lohnt anzuhören. Im Gespräch werden Themen jenseits aktueller Alltagsaufgeregtheiten aufgemacht und vertieft. Gesellschaft, Philosophie, Politik und Kunst sind die Felder, aus denen sich die Gedanken und Fragen rekrutieren, denen ausführlich nachgegangen wird. Es werden in der Tat Gespräche geführt und kluge Gedanken formuliert. Nicht vorgefertigte Meinungen und Statements abgefragt und abgesondert.  Mit und über Menschen, die nicht immer einen großen Namen aber viel zu sagen und zu bieten haben. Als Podcast, den man abonnieren kann, jederzeit auch im Nachhinein verfügbar. Radio ist doch besser als Fernsehen. So viel Werbung darf sein zum Einstieg.

    Die Fotografie kommt dabei nicht zu kurz. Am vergangenen Sonntag war es Bernhard Langerock, geboren in Belgien 1953 und seit 1972 als Fotograf in Düsseldorf tätig, der zum Gespräch geladen war. Von 1972-1978 war er Meisterschüler bei Hendrik Teunissen van  Manen und Tünn Konerding an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Seit 2018 ist er Dozent für Fotografie an der Akademie Kloster Steinfeld, Eifel. Ein Überblick über seine Ausstellungen und Publikationen kann man sich mit Hilfe des beiliegenden Links machen.

    Das  Gespräch mit dem Deutschlandfunk dockte an seinem Projekt: Arbeitersiedlungen entlang der Seidenstrasse. Eisenheim in Oberhausen/Deutschland, Borsigsiedlung in Zabrze/Polen und Tongyuanju in Chongqing/China an, dass in im LVR-Industriemuseum Oberhausen St. Antony-Hütte/Museum Eisenheim noch bis zum 28.02 zu sehen ist. Der Diskurs geht darüber hinaus und greift weitere Vorhaben des Künstlers auf. Die Sendung trägt der Vielfalt  des Fotografen Rechnung. Er hat uns eine Menge zu sagen. Deshalb hört bitte die Sendung nach, falls ihr vergangenen Sonntag mit der Kamera unterwegs wart.

    Die Seidenstrasse ist ein Begriff, der sagenumwoben ist, auf langst vergangene Abenteuer verweist und ein wenig an die Buchtitel des Karl May erinnert. Reiseveranstalter machen sich noch heute diesen Nimbus zu eigen. Werbetexte sollen unsere Lust aufs Reisen anregen: „Entdecken Sie die orientalische Seite Chinas! Entlang der sagenhaften Seidenstraße vermitteln Wüstenoasen, ehrwürdige Moscheen und quirlige Basare ein Bild aus Tausendundeiner Nacht. Das Netz aus Karawanenstraßen ist ein Symbol der Verbindung und Begegnung zwischen Europa und Asien.“

    Die neue Seidenstrasse wird von der chinesischen Regierung in ihren Werbebotschaften gerne ähnlich glorifiziert.  Man zeigt sich berauscht von dem eigenen Vorhaben wie wir Europäer von der alten Handelsroute immer noch sentimental eingenommen und verzückt sind; nur unter ganz anderen Vorzeichen und mit ökonomischer und politischer Berechnung.  Das Vorhaben  Chinas, mit der „Neuen Seidenstraße“ eine Wirtschaftsstraße bis nach Westeuropa zu errichten, ist längst nicht mehr nur ein Plan, der an alte Zeiten anknüpft. Er mutet seltsam nüchtern, pragmatisch und ein wenig größenwahnsinnig zugleich an. Ein Mega-Projekt, das 4 Mrd. Menschen in 70 Ländern mit Handel und Wirtschaft „zugutekommen“ soll. Es geht im Kern  um Einflussnahme und Abhängigkeiten, fernab von sentimentaler Abenteuerlust. Es geht in Afrika und vielleicht nicht dort ganz offensichtlich auch um eine neue Form des Kolonialismus. Auch wenn die chinesische Regierung dies vehement abstreitet.

    Erfrischend unsentimental und bodenständig kommt der Titel. “Arbeitersiedlungen entlang der Seidenstrasse. Eisenheim in Oberhausen/Deutschland, Borsigsiedlung in Zabrze/Polen und Tongyuanju in Chongqing/China“ daher.  Er klingt für sich genommen bereits wie eine Entlarvung der Anmaßung einer Großmacht mit totalitärem Anspruch. Der Hinweis zum Katalog unterstreicht den ortsgebundenen am realen Leben orientierten Zugang des Fotografen, der die Poesie der Stille, des Vergangenen, der Dekonstruktion und der kleinen Freuden und Ereignisse in und an Orten feiert, deren Entwicklungstand im Gegensatz zu der Seidenstraßenvision zu stehen scheint:

    „Die Fotografien von Bernard Langerock gliedern sich in acht thematische Reihen. Neben den künstlerisch-dokumentarischen Aufnahmen am jeweiligen Standort sind Teilprojekte entstanden: „Die Erzählung ruht inmitten von Ereignissen. Fotografie über das Verweilen“ in der Siedlung Eisenheim, Oberhausen, „Fussball als Bekenntnis“ und „Ceci n’est pas un but de football. Kritzeleien als Bekenntnis“ in der Siedlung Borsigwerk, Zabrze, und „Deuk-deuk tong – der Zuckerschläger kommt …“ in der Siedlung Tongyuanju. Das Projekt „Bewegte Landschaften“ knüpft an eine größere Werkserie an und umfasst Landschaftsaufnahmen, die bei Zugfahren zwischen den Städten aufgenommen worden sind.“

    In Deutschland stößt die Seidenstraßenpolitik Chinas auf Widerstand. Andererseits läßt man sich auch schon mal gerne auf das Vorhaben ein.  Bernard Langerock hat in der Vorzeigemetropolregion Chinas Chongqing fotografiert. Seit 2004 besteht eine Städtepartnerschaft zwischen Chongqing  und Düsseldorf. Es besteht eine Vereinbarung über die freundschaftliche Zusammenarbeit, zu der auch der Handel gehört. Im Jahr 2001 eröffnete die Messe Düsseldorf ein Büro in Chongqing. Ob die Düsseldorfer wissen, wo Chongqing liegt und das sie selbst an der Seidenstraße leben, wohnen und wirtschaften?

    Der Fotograf hat wie gesagt eine Menge überzeugender Projekte vorzuweisen. Er benennt sie in seiner Kurzübersicht mit folgenden Titeln, die wie kleine Abstracts wirken und seinen fotografischen Ansatz verdeutlichen:

    - Situative Identifikationen
    - Konstuktive Identifikationen
    - Kreuze
    - China, Land der Kontraste
    - Hermann Schmitz "Neue Phänomenologie"
    - Raumverschiebungen

    Einer seiner Ansprüche und Anliegen ist das Unsichtbare sichtbar zu machen. Das gelingt ihm wie ich finde vorzüglich. Schaut euch seine Arbeiten an. Es gibt vorzügliche Publikationen.


    Christoph Linzbach


    http://www.langerock-fotografien.de/index.html