Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 24.11.2021 Hintergrundwissen

    Professor Knut Wolfgang Maron…

    … oder wie eine Führung zum Erlebnis wird.



    Die Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin unter Leitung der Direktorin Dr. Christiane Stahl gehört zu den Berliner Kunstinstitutionen, die uns regelmäßig mit besonderen Ausstellungen beschenken. Im Fall der aktuellen Präsentation der „Bilder über Landschaften SX-70 Polaroids 1978-2001“ des Künstlers und Lehrmeisters der Fotografie Prof. Knut Wolfgang Maron vermittelt die wunderbare Ausstellung in Verbindung mit einer atemberaubenden Führung durch den Künstler und die Direktorin ein Erlebnis, das ich nicht so schnell vergessen werde.

    Oft ist ja schon der erste Eindruck, den man beim Eintreten in eine Galerie gewinnt, wegweisend für das folgende Ausstellungserlebnis. Leichte Verblüffung macht sich bei mir breit beim Anblick der mit Polaroids bestückten Vitrinen, die einen erheblichen Teil der Räumlichkeiten einnehmen. Das ist man nicht gewohnt. Großformatig geht es in der Regel in Ausstellungen der Fotokunst zu. Je größer desto beeindruckender und damit vermeintlich besser. Die Präsentation der Polaroids chronologisch in Vitrinen wie an einer Perlenschnur angeordnet mit wenigen ikonisch wirkenden Abzügen an den Wänden hätte nicht besser gelingen können. In den Vitrinen kann viel gezeigt werden, das repräsentativ für seine über 8500 Polaroids steht. Der Verblüffung weicht somit schnell dem Gefühl einer leichten Peinlichkeit. Klar, hätte ich mich besser vorbereitet oder auch nur einmal kurz nachgedacht, wäre mir die unbedachte spontane Reaktion erspart geblieben.

    Jetzt im Nachhinein hat sich meine Naivität und Denkfaulheit als nicht die schlechteste Voraussetzung für den Besuch dieser Ausstellung erwiesen. Völlige Offenheit, Erwartungsfreiheit und Lust auf etwas Neues sind eine gute Geisteshaltung in Vorbereitung auf ein sinnliches, intellektuelles, von Erstaunen und Entdecken geprägtes Erlebnis, das die Bilder des Knut Wolfgang Maron evozieren. Sind wir doch mal ehrlich. Wer hatte wann das letzte Polaroid in der Hand? Das muss Jahrzehnte zurückliegen. Eine „uralte“ Technik unserem Alltag fast entschwunden kann man wieder als etwas Neues, Bestaunenswertes und Wertvolles erleben, wenn man sein fotografiehistorisches Wissen in der Schublade eines hoffentlich nur leicht verstaubten Hirnareals lagernd nicht vorzeitig aktiviert, sondern erst im Moment der Konfrontation mit diesem Künstler, mit einem begnadet vortragenden und präsentierenden Knut Wolfgang Maron und seinem Werk hervorholt. Und dann mit seinen Ausführungen abgleicht.

    Seine subjektive Bildsprache, die Wahl der Motive in Verbindung mit der Ästhetik und Haptik der Polaroids stellen in Summe eine herausragende künstlerische Leistung dar, die dem Grunde nach keiner weiteren inhaltlichen Aufladung bedarf. Gleichwohl lässt sie Interpretationen auf verschiedenen Ebenen zu. Es ist ihm ein Anliegen, dass seine Bilder auf vielen Ebenen Inhalte kommunizieren einschließlich der Referenzen an andere Künstler. Er zeigt Landschaften nur anfangs mit Personal bestückt und keine Porträts wie in der Polaroidkultur üblich.  Er ist poetisch und visionär unterwegs. Er schaut unter die Oberfläche und legt offen, was aus seiner künstlerisch-politischen Sicht offengelegt gehört. Er sieht seine künstlerische Fotografie als eine Koproduktion mit dem Betrachter, der in der Auseinandersetzung mit seiner Kunst diese für sich als gesellschaftlich relevante Kunst erschließt und begreift. Er liefert eine über 40 Jahre reichende Serie, die auch als Bebilderung der Formenvielfalt der Landschaft dienen könnte. Eine Serie als Lebenswerk anzulegen, definiert den Begriff der Serie neu. Fast zwangsläufig kommen die morphologischen Veränderungen unserer Natur ins Spiel, die Folge des Klimawandels sind. Die fast dystopisch wirkenden Farben der Polaroids verweisen in vielen seiner Fotografien auf Verfall. An andere Stelle vermitteln sie ein Gefühl der Heiterkeit, Erhabenheit oder Kontemplation. Oder sind unserer Welt ganz entrückt.

    Autonomie ist die Möglichkeit zu entscheiden, wovon man sich fremdbestimmen lassen möchte und wovon nicht. Knut Wolfgang Maron verkörpert diese Interpretation des Begriffs Autonomie als Mensch und Künstler in Reinkultur. Er segelt weder mit dem Wind noch hält er frontal dagegen. Er lässt sich nicht bequem flussabwärts treiben oder verkämpft sich mühsam und fruchtlos gegen den Strom. Er vertritt immer einen klaren Standpunkt, den er aus einer übergeordneten Perspektive entwickelt.  Er hat sich vor dem Hintergrund der in seinem Innersten eingelagerten Bilder-, Farb- und Motivwelten, die bereits im Alter von 12 Jahren während vieler Besuche mit seinen Eltern im Louvre zu wachsen begannen, bewusst für einen künstlerischen Weg entschieden, der quer zum Mainstream der damals aufkommenden Farbfotografie lag. Er entschied sich für die Polaroidfotografie als Medium und ging technisch und im künstlerischen Ausdruck seinen eigenen Weg, ohne damit ein implizites Zeichen der Geringschätzung anderer Künstler auch nur anzudeuten. Abgrenzung war für ihn nie ein Ausgrenzen anderer, sondern sein Weg zur Autonomie. Er war eben autonom und wollte sich nicht durch einem Mainstream leiten lassen, der US-amerikanischen Trends in der Entwicklung der künstlerischen Farbfotografie folgte. Klar war er immer auch Teil der künstlerischen Szene, ohne aber darin vollständig aufzugehen. Auch eine Leistung: Teil des Ganzen zu sein und dennoch sich die Fähigkeit zu bewahren, das Ganze von außen zu betrachten und daraus einen eigenen Weg abzuleiten.

    Er ist ein Lehrmeister der Fotografie, der während der Führung weit über sein Werk hinaus verknüpft, schlussfolgert und einordnet. Und damit einen Ausschnitt der Fotografiegeschichte in Verbindung mit seinem Werk anschaulich zeigt und spannend erläutert. Nach jedem Gedanken will man mehr hören. Ist man gespannt auf das nächste Detail. Seine gedämpfte gleichwohl eindringliche Art des Vortrages lässt einen so manches Mal den Atem anhalten und das mit Maske. Er erhebt nur die Stimme, wenn ihm etwas auf den Nägeln brennt. Jede noch so detaillierte Nachfrage beantwortet er mit einer noch detaillierteren Antwort. Nie verliert er den Kontext aus dem Blick. Es muss eine Freude sein, bei ihm studieren zu dürfen.

    Besonders wertschätzend möchte ich hervorheben, dass die Führung wesentlich geprägt war von den dialogisch vorgetragenen ergänzenden Ausführungen der Direktorin Frau Dr. Christiane Stahl. Hier ist ein Standard der Präsentation durch die Alfred Ehrhardt Stiftung gesetzt worden, der den Besuchern viel mehr bietet als in anderen Galerien üblich. Danke auch dafür!

    https://www.aestiftung.de/

    http://www.knut-maron.de

    https://www.zone-e.info/kuenstler/knut-wolfgang-maron/bilder-ueber-landschaften

    https://www.schwerin.de/kultur-tourismus/kunst-kultur/bildende-kunst-museen/schleswig-holstein-haus/ausstellungen/

    Christoph Linzbach