Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 15.11.2021 Hintergrundwissen

    Können Bilder sprechen ? I

    Einige Anmerkungen zu einem nicht ganz unkomplizierten Thema.



    Wer kennt sie nicht? Redewendungen wie „Ein Bild sagt mehr als tausend Wörter“ oder „Was will mir dieses Foto sagen?“ Beide Redewendungen unterstellen, dass ein Bild mit Hilfe von Sprache kommunizieren kann. Absurd? Keineswegs! Nicht ohne Grund verwenden wir den Begriff Bildsprache. Es scheint einen engen Zusammenhang zu geben zwischen einen Bild und unserer Sprache. Doch wie sieht er aus? Kommunizieren Bilder mit Hilfe von Wörtern und Sätzen oder gibt es für Bilder andere Einheiten und Regeln der Kommunikaition? Verfügen Bilder über eine Regelwerk, wie es die Sprache tut? Gibt es eine Grammatik der Bilder?

    In der Schule wurden wir mit einem Modell konfrontiert, das uns veranschaulichen sollte, wie Menschen miteinander kommunizieren. Der Sender übermittelt seine Botschaft mit Hilfe von Sprachzeichen an den Empfänger. Die Lehrer wollten uns nicht überfordern und unterstellten, dass Sender und Empfänger Menschen sind, die mit Worten und Sätzen miteinander kommunizieren. Von Gegenständen, die kommunizieren können, war noch keine Rede.

    Das Bild ist kein lebendes Subjekt wie in diesem Modell angenommen, gleichwohl kommuniziert es mit uns, in dem es sich uns auf eine besondere Art und Weise darstellt bzw. auf das Dargestellte verweist. Die Kommunikation zwischen Bild und Betrachter ist einseitig und keine Interaktion. Das Bild kommuniziert via Selbstdarstellung. Ein Bild kommuniziert nicht mit Worten und Sätzen. Man kann es als ein nichtsprachliches Zeichen verstehen, dass auf etwas anderes verweist, auf das, was es abbildet oder andeutet. Das Foto, das eine Landschaft abbildet, verweist den Betrachter  auf eine real existierende oder ausgedachte Landschaft. Ein sprachliches Zeichen hat eine Laut- und eine Bedeutungsebene. Wörter werden in Wortgruppen und Sätzen geordnet. Ein Foto läßt sich nicht in kleinere Einheiten untergliedern. Das Foto bzw das Bild ist das Zeichen an sich.

    In einem gewissen Sinne können Mensch und Bild miteinander kommunizieren, allerdings nur einseitig. Dem Bild fehlt die kommunikative Absicht, die der menschlichen Sprache zu eigen ist. Wenn man einem Bild überhaupt eine Absicht zubilligen möchten, dann ist es letztlich nur eine vom Empfänger unterstellte. Das ein Bild Informationen kommuniziert, läßt sich aber nicht bestreiten. Den Fotografen und dessen Absicht lassen wir hier mal außen vor.

    Gibt es einen Unterschied zwischen den Zeichen einer Sprache und dem Bild als Zeichen? In der Sprache sind die Worte die vielleicht wichtigsten Zeichen. Ein Regelwerk nämlich die Grammatik sagt uns, wie wir die Worte zu verwenden haben. Sprachen werden gerne als regelhafte Zeichensysteme bezeichnet. Ein sprachliches Zeichensystem läßt sich gliedern unter anderem auf der Ebene der Worte und Sätze. Das läßt sich nicht auf die Sprache eines Bildes übertragen. Ein Bild ist ein Zeichen, dass sich nicht weiter untergliedern läßt. Es gibt für Bilder keine Grammatik wie für die Sprache. Erste Versuche der Bildwissenschaft eine solche Grammatik zu erstellen, sind nicht weit gediehen.

    Spätestens hier wird der Unterschied zwischen sprachlichen Zeichen und bildsprachlichen Zeichen deutlich. Es gibt für Bilder wohl keine Regelsysteme, die wie bei Sprachen auf der Ebene der sie konstituierenden Einheiten funktionieren. Für Bilder gibt es keine Einheiten, die Worten oder Sätzen als sprachliche Einheiten gleichkommen und deren Ordnung analysierter wäre. Grammatisch inkorrekte Bilder gibt es nicht. Ein Bild ist ein Zeichensystem ohne Buchstaben, Worte und Sätze.

    Wenn aber Bilder kommunizieren können, wie wir eben gesehen haben, dann entfalten sie auch eine Wirkung. Es muss also eine wie auch immer geartete Logik oder Ordnung geben, die diese Wirkung hervorbringt. Die bekanntesten Regeln für Bilder sind der goldene Schnitt und das Erzeugen von Perspektive. Es gibt also durchaus Regeln für den Bildaufbau, aber eben nicht im gleichen Sinne wie bei der Sprache. Die beiden genannten Regeln sind formaler Natur, machen den Bruchteil der Wirkung mancher Bilder aus oder sind völlig irrelevant für die Wirkung anderer Bilder. Sie sind mit den kombinatorischen Regeln der Sprache nicht vergleichbar. Das ist gerade bei abstrakten Bilder oder Fotografien evident.

    Es lassen sich also verwendungsspezifische Regeln für den Bildaufbau identifizieren. Die Regeln für die gute Proportionen in einem Bild sind uns bekannt. Ansonsten gibt es keine Regeln für die Beurteilung von Bildern, die man in einen Art Ratgeber für Juroren übersetzen könnte, der ein objektive Beurteilung von Bildern ermöglicht. Die Bildsemiotik beschäftigt sich mit der Frage der Sprache der Kunst. Ein spannende Disziplin, die uns bislang nicht annähernd erklärt hat, wie uns Bilder ihre Bedeutung vermitteln. Die Magie eines Bildes läßt sich bislang nicht entschlüsseln und in ihre konstitutiven Bestandteile zerlegen. Juroren bleibt letztlich nur ihr Bauchgefühl als Orientierung. Das ist alles andere als banal. Wäre es anders, könnten wir einen Algorithmus mit der Beurteilung von Bildern beauftragen. Da sich selbst der regelorientierten menschliche Sprache mit KI nicht oder noch nicht beizukommen ist, bin ich voller Optimismus, dass wir uns auch in Zukunft bei mehr oder weniger streitbaren Menschen bedanken, die sich für eine Jury zur Verfügung stellen.

    Bilder kommunizieren mit uns, wir aber nicht mit ihnen. Wie diese einseitige Kommunikation funktioniert, haben wir noch nicht annähernd verstanden. Dennoch werden Bilder in unser täglichen Kommunikation und Wahrnehmung der Welt immer dominanter. Es scheint zu stimmen: „Bilder sagen mehr als tausend Worte“ Je bildlastiger unser Alltag wird, desto unwichtiger wird die Sprache. Ist das so?

    Christoph Linzbach