Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 25.10.2021 Hintergrundwissen

    William Eggleston...

    aber warum….




    Es ist doch langweilig, das wir uns immer wieder mit denselben großen Namen in der Kunstwelt beschäftigen, deren Bildbände die Wühltische der Buchläden bevölkern. Sie bieten uns Redundanz zu reduzierten Preisen. Warum wenig Geld für ein Buch ausgeben, dessen Inhalt man schon tausend Mal gesehen hat? Ist es nicht besser, die Billigauslage links oder rechts liegen zu lassen und nach neuen frischen unverbrauchten Künstlerin und Künstlern und ihren Werken Ausschau zu halten? Klar ist ist das besser. Aber es bereitet auch mehr Mühe, ist mit einem scheinbaren Risiko verbunden  und verlangt nach einem eigenständigen Urteilsvermögen.

    Wer große Namen kauft, der muss sich keine Gedanken darüber machen, ob er eine fachlich gute Wahl getroffen hat. Einen Fotografen oder einen Maler zu kaufen, der in der Kunstwelt zur Riege der Stars gehört, nimmt dem Kauf jedes Risiko. Wenn dann noch die Kunst des günstig erworbenen Genies etwas Eindringliches vielleicht sogar Spektakuläres hat, um so besser. Ein solchen Bildband in der Hand zu halten, bedeutet eine Selbsterhöhung. Man steigt in den Besitz von etwas Singulärem auf, fühlt sich gleich ein wenig wie der Künstler selbst  und ist dennoch nichts anderes als Konsument eines massenhaft vervielfältigten Produkts. Die Minenarbeiter des Sebastiano Salgado, ein überdimensionales Kreuzfahrtschiff des Andreas Gursky oder die hochinszenierten kühlen Schönheiten des Helmut Newton sind so allgegenwärtig, dass sie an sich selbst zu ersticken drohen. Wir kaufen und betrachten sie regelrecht zu Tode. Wir die Konsumenten werden zu Tätern und der Buchhandel freut sich daran.

    Was ist zu tun? Selbstverständlich besteht die Lösung nicht darin, die in den Olymp der Fotografen aufgestiegenen Künstler auszusortieren. Das würde nicht funktionieren, wäre töricht und den genannten Künstlern nicht gerecht. Wir müssen uns auch nicht ausschließlich auf den noch unbekannten Nachwuchs stürzen, obwohl der es verdient hätte und jede Unterstützung braucht.

    Es gibt große Namen, die uns nicht auf jedem Wühltisch begegnen und die mit ihrer Art zu fotografieren, die Welt der Fotografie auf eine eindringliche aber unspektakuläre Art bereichert haben. Es gibt Künstler wie William Eggleston, der das vielfach Übersehenen und Unwichtige ohne großes Tamtam abfotografiert hat. Schlichte nicht als bildwürdig geltende Motive waren sein Ding. Eine scharf kritisierte Soloausstellung 1976 im New Yorker MoMA mit dem Titel Photographs by William Eggleston war der erste große Meilenstein in seiner Karriere. Presse und Feuilleton schäumten vor Wut. Wie konnte man nur so etwas an die Wand hängen. Es waren Aufnahmen aus dem Alltag aus Bars, von Tankstellen und Märkten in den Südstaaten, die wie Schnappschüsse anmuteten, die den Zorn der Kritiker hervorriefen. Er suchte seine Motive in seiner Heimat dem Mississippi-Delta und hielt sie in einer ungewohnt schlichten dokumentarischen Weise fest, allerdings nicht mehr in schwarzweiß sondern in Farbe.

    Banal, langweilig und nichts-sagend lautete das vernichtende Urteil. Ein Urteil dass heute sicher niemand mehr über das Werk Egglestons abgeben würde. Er gilt mittlerweile als „Vater der Farbfotografie“, die er aus der Welt der Werbung in die Welt der Kunst erhob. Heute werden seine Bilder als lebendig, poetisch und geheimnisvoll beschrieben. Eines seiner eindrücklichsten Werke liegt im Nachdruck des Steidl Verlags vor. Es handelt sich um den zweibändigen Bildband Election Eve, der 1977 von Caldecott Chubb in New York in einer Auflage von nur 5 Exemplaren publiziert wurde. Die 100 Aufnahmen wurden 1976 in Plains (Georgia) und in Memphis Tennessee in der Zeit gemacht, als sich Jimmy Carter anschickte, Gerald Ford in den Präsidentschaftswahlen zu schlagen. Der Steidl Verlag machte dieses Meisterwerk 2017 der Allgemeinheit durch einen Nachdruck in einem Band zugänglich. In der Einleitung des Originals, die für den Nachdruck übernommen wurde, schreibt Lloyd Fonvielle: “The photographs have quietude and unsentimental romanticism, as well as an edge of poignance, which belie the expectations of hopefulness or portentousness suggested by a knowledge of the time and place in which they were made. On the eve of the election, when nothing had yet been decided, when everything—whatever that everything was—hung in the balance, Eggleston made an elegy… a statement of perfect calm.”

    Ist es nicht wunderbar, dass ein Fotograf mit einfachen schlichten Motiven wie Stacheldrahtzäunen, Eisenbahnen, Parkplatzszenen, überwuchernden Büschen oder Fabriken zur Herstellung von Erdnussbutter (Jimmy Carter läßt grüßen) berühmt wurde? Ist es nicht wunderbar, dass es große Künstler gibt, die sich nicht für den Wühltisch eignen und nie darauf landen werden?

    Christoph Linzbach