Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 13.09.2021 Hintergrundwissen

    Ruth Orkin....

    …..im f3 - freiraum für fotografie in Berlin




    Die Ausstellung #womenphographer vol. I in der Photobastei in Zürich 1919, die in Zusammenarbeit mit dem f3 - freiraum für fotografie Berlin entstand, zeigte eindrücklich, dass Frauen im 19. Jahrhundert das Medium Fotografie eroberten. „Als Pionierinnen trugen sie Wesentliches zu seiner Entwicklung und zur Herausbildung neuer fotografischer Sehweisen bei.“ so die Ausstellungsmacherinnen Gisela Kayser und Katharina Mouratidi. Sie wagen zudem auf ihrer Website die Aussage: „Anders als die traditionellen Disziplinen der Bildenden Kunst wie Bildhauerei und Malerei, war Fotografie von Beginn an als Medium gleichberechtigter. Sie ermöglichte den Frauen ihre Vorstellung eines selbstbestimmten, kreativen Lebens umzusetzen, zu reisen und ihr eigenes Geld zu verdienen.“ Um wieviel gleichberechtigter?

    Der f3 - freiraum für fotografie in der Waldemarstrasse 17 in Berlin konzentriert sich vor dem Hintergrund der Wiederkehr des 100jährigen Geburtstages der Ruth Orkin auf die individuelle Perspektive einer herausragenden leider oft vernachlässigten  Fotojournalistin. Ebenso wie die Photobastei wirbt der f3 - freiraum für fotografie für seine aktuelle Ausstellung zu der amerikanischen Fotojournalistin Ruth Orkin mit einer ihrer bekanntesten Aufnahmen American Girl in Italy. Eine Aufnahme die Fotografiegeschichte schrieb.

    Eine elegant gekleidete Dame geht die Straße entlang und an der nächsten Ecke stehen ein paar Typen, die sie anstarren, ihr hinterherrufen und Mätzchen machen. Na ja Italien mag man sich denken und in den 50er Jahren, da war so etwas Alltag. Also nur ein Spiel? Das Foto wurde in Florenz im August 1951 an der „Piazza della Republica“ vor dem Caffé Gilli, einem traditionsreichen Literaturcafé, in dem Künstler und Intellektuelle verkehrten, aufgenommen. Die Dame von der hier die Rede ist, ist die alleinreisende 20-jährige Amerikanerin Ninalee Craig auf dem Gehsteig vor dem Caffè Gilli. Sie und Ruth Orkin hatten sich in Florenz angefreundet.

    Heute würde man ein solche Szene als Catcalling bezeichnen. Die meisten Frauen finden so etwas nicht lustig, sondern übergriffig und aufdringlich. Welche Botschaft wollte Ruth Orkin den Zeitgenossen mit diesem Aufnahme senden? Wollte sie den männlichen Blick auf Frauen entlarven oder fand sie einfach nur die Aufstellung der Personen und ihre Beziehung zueinander fotogen. Ohne Zweifel zeigt sich in dieser Aufnahme, dass die Fotografin einen Blick für Alltagsszenen mit hoher erzählerischer Qualität hatte. Doch war das Foto auch politisch gemeint?

    Man muss genau hinsehen, dann erhält man erste Hinweise. Sie hält den rechten Arm wie zur Abwehr vor dem Körper verschränkt, der Schritt ist fest, die Augenlieder halb geschlossen, das Kinn hochgereckt scheint sie dem Männerspalier entkommen zu wollen. Ein Spießrutenlauf, den sie schnell beenden möchte. Wie in vielen anderen Aufnahmen der Ruth Orkin steht auch hier ein Frau im Mittelpunkt. Es sollte das bekannteste Photo der damals erst 29-jährigen Fotografin werden. Die interpretierende Nachwelt sieht wie ich finde zu Recht bis heute in der Aufnahme mehr als nur eine Szene mit der Qualität eines Filmstills.

    Das Foto war kein Schnappschuss so viel ist klar, sondern ein bewußtes Reenactment einer Szene, die sich kurz zuvor zugetragen hatte und die für Ruth Orkin ganz offensichtlich beispielhaft stand für etwas, mit dem alleinreisende Frauen zu dieser Zeit fertig werden mußten. Das Foto trägt den Titel „Ein amerikanisches Mädchen in Italien“. Als Teil der Foto-Serie „Don’t Be Afraid to Travel Alone“ wurde es zu einer der bekanntesten Aufnahmen der Streetphotography.  Ruth Orkin  ordnete das Foto ganz bewußt thematisch in den Kontext  der Rolle von Frauen in der Gesellschaft ein, die sie von männlichen Sichtweisen geprägt sah.

    Ruth Orkin thematisierte in ihren Aufnahmen den Lebensalltag der Menschen und deren Lebensumstände. Oft fotografiert sie Frauen und Kinder. Ihre Fotos kommen freundlich und mit großer Leichtigkeit daher. Die großen Themen der Weltpolitik sind nicht ihr Genre noch kann man sie als eine politische plakativ arbeitende Fotoaktivistin bezeichnen. Gleichwohl wird ihre Fotografie durchgängig getragen von einem ausgeprägten politischen Bewusstsein für die Rolle der Frau in der Gesellschaft, dass sie nicht zuletzt vor dem Hintergrund ihrer eigenen Karriere und der ihr verweigerten beruflichen Chancen geschärft hatte.

    Aus meiner Sicht stellen sich beim Besuch der sehenswerten Ausstellung über die begnadete Fotojournalisten Ruth Orkan zwei besonders spannende Fragen. Beinhalten ihre Fotos eine politische Botschaft? Die Frage kann und muss man uneingeschränkt mit einem ja beantworten. Läßt die Motivwahl der Ruth Orkin den generellen Schluss auf einen weiblichen fotografischen Blick zu?  Diese Frage würde ich gerne offen lassen. Sehen Sie selbst.

    Die wunderbar zusammengestelle aktuelle Ausstellung im f3 - freiraum für fotografie ist eine Fundgrube für  Anregungen und Hinweise zu beiden Themen.  In Verbindung mit dem ebenfalls präsentierten 20 minütigen Film der Tochter über Ruth Orkin, dem gerade im Hatje Cantz Verlag erschienenen, sensationell guten Buch „Ruth Orkin - A Photo Spirit“ einschließlich Vorwort und lesenswerter Einführung stellt die Ausstellung ein echtes Highlight in der sich selbst so allmählich wiederbelebenden Ausstellungslandschaft in Berlin dar.

    Bitte nicht verpassen und am besten mit Führung!

    Christoph Linzbach

    https://fhochdrei.org/ausstellungen/