Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 09.09.2021 Hintergrundwissen

    Die Fotografie und die Deutungshoheit

    Ein vielgestaltiges Thema



    Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung erinnerte am 5. September 2021 an Bill Biggart, den einzigen Fotografen, der bei dem Angriff auf das World Trade Center ums Leben gekommen ist. Der Plan der Terroristen beruhte auf der Wirkung der Bilder. Die Autorin des Artikels Eva Schläfer schreibt hierzu: „Öffentlichkeitswirksamer - so zynisch der Begriff in diesem Zusammenhang anmutet - kann man ein Selbstmordattentat kaum verüben…“ Das Ziel war wie wir alle wissen das Symbol einer Wirtschaftsmacht zu einer Tageszeit, an der viele Menschen auch Reporter in einem Stadtteil unterwegs sind, in dem viele Fernsehgesellschaften ihre Studios haben.  „Sichtbarkeit als strategischer Faktor des Terrors“ Die Fotografen vor Ort konnten sich dieser Strategie nicht entziehen. Sie mussten fotografieren und wurden damit zu Erfüllungsgehilfen der kommunikativen Absicht der Terroristen.

    2017 erschienen in der PHOTONEWS zwei Beiträge, die die Rolle der Fotografie und des Fotografen bei dem G-20 Gipfel in Hamburg thematisierten. Andreas Herzau war im Auftrag des Sterns während der  Demotage in Hamburg unterwegs. H. Dieter Zinn sah sich zu einer Antwort genötigt. Eine wichtige Debatte über die Macht der Bilder und die Deutungshoheit, die immer wieder aufs Neue geführt werden muss, denn die Rahmenbedingungen des Fotojournalismus verändern sich ebenso wie der gesellschaftliche Kontext, in dem sie tätig sind. Ich will an dieser Stelle die lesenswerten Artikel nicht vollständig nachzeichnen, sondern nur aus meiner Sicht wichtige Aspekte hervorheben.

    Die Fragen denen sich die Fotografinnen und Fotografen ebenso wie die Rezipienten der Fotos stellen müssen, ändern sich nicht grundlegend. Es waren in Hamburg auf allen Seiten Bemühungen zu erkennen, die Vorgänge und Abläufe im Hinblick auf die öffentliche Wahrnehmung zu beeinflussen. Wie steht es unter solche Umständen um die Deutungshoheit des Fotografen? Der Fotograf als verlängerter Arm der Polizei, der Demonstranten und der Anwohner, die ganz unterschiedliche Botschaften über Bilder kommuniziert sehen möchten? Ist der Fotograf dem Kampf um die Deutungshoheit den Interessengruppen ausgeliefert? Oder stellt sich der Fotograf in den Dienst der einen oder anderen Seite?

    Er steht da wo er steht, bewußt gewählter Standort oder zufällig die falsche Stelle ohne Demogewalt?  Räumlich gesehen ist die Verortung des Fotografen in einem krawallträchtigen Umfeld medienkriegsentscheident und wichtig im Hinblick auf seinen redaktionellen Auftrag. Die polizeiliche Informationsarbeit lieferte vor den Hamburger Krawalltagen Bilder vom geplanten Umgang mit den demonstrierenden Straftätern, während berichtet wird, dass Fotografen von Demonstranten während der Demo aufgefordert wurden, den Chip abzuliefern. Dramatische Bilder schaffen gute Helden oder Bösewichter im Vorfeld und während des Ereignisses. Wie steht es um den Stellenwert der Deutungshoheit der Berufsfotografen, angesichts der tausenden in den sozialen Netzwerken parallel eingestellten Fotos der sonstigen Augenzeugen , als Beobachter oder Teilnehmer.

    Wer den Auslöser drückt, hält nur scheinbar und nur partiell das Heft das Handelns in der Hand. Den fotografierenden Journalisten deswegen einen Vorwurf zu machen, trägt nicht zur Lösung des Dilemmas bei. Nicht vergessen sollte man, das der  Verlust der fotografischen Deutungshoher während der G-20 Krawalle  auch etwas etwas mit der Qualität und Komplexität der Lage zu tun, die sich aus der Vielzahl der sich im Zeitverlauf veränderten und fragmentierten Schauplätze ergibt, die nicht mit einem Blick sprich einem Foto zu erfassen lassen. Der Aussage von H. Dieter Zinn dass die Zeiten des Vietnamkriegs, als Susan Sontag über die große „moralische Autorität“ der Bilder sprach, lange vorbei sind, kann man nur zustimmen.

    Eine spannende Debatte um einen Beitrag von Daniel Blochwitz zu dem Thema "Verhinderte Potenziale: Deutungshoheiten in der deutschen Fotoszene." lief in den PHOTONEWS in diesem Jahr. Er thematisiert „….die unverhältnismäßige Überrepräsentanz Westdeutscher in den allermeisten fotografiegeprägten und -prägenden Tätigkeitsbereichen in Deutschland.“  Selbst nach 30 Jahren Einheit hätten ostdeutsche Fotoexpertinnen und Fotoexperten statistisch gesehen „…kaum eine Chance, an vorderer Front mitzugestalten…“ Es geht ihm um die Frage, wer die Deutungs- und Diskurshoheit über die aktuellen fotografischen Themen, die verhandelt werden und wie sie verhandelt werden.

    Er beklagt eine grundlegende Schieflache im Kunstbetrieb insgesamt, der seinem Modernisierungsanspruch aus vielerlei Gründen nicht gerecht werde : „So waren denn auch die von mir recherchierten Zahlen zum Verhältnis von “ostdeutsch” geführten Ausstellungshäusern (4.7%) zu solchen mit “westdeutscher” Leitung (80.6%) wenig überraschend. Dies betrifft Museen des gesamten Bundesgebiets, also von Frankfurt/Main bis Frankfurt/Oder, von Erfurt bis Herfurt, von Bonn bis Berlin. Die Chance, in einem ostdeutschen Museum eine westdeutsche Direktion zu finden, ist doppelt so hoch, wie die, dort eine/n Leiter/in mit ostdeutscher Biografie anzutreffen.“ Der Zusammenhang zur Frage der Deutungshoheit ist evident. Sie stellt sich nicht nur in der Praxis der journalistischen Fotografie, sondern leider in der deutschen Kunstwelt generell, die sich gerne fortschrittlich gibt, es aber nicht ist.

    Christoph Linzbach