Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 30.08.2021 Hintergrundwissen

    Kunst, Fotografie und Markt III

    Statusverlust und Vereinnahmung der Kunst



    Die grundlegende Veränderung der ästhetischen Vorstellungen der Kunst hat auch Auswirkungen auf die Kunst und der Künstler. Der weitgehende Verzicht auf die herkömmlichen Qualitätskriterien eines Werkes, sei es Stil, technische Ausführung oder Anspielungsvielfalt führt nicht nur zu einer größeren Beliebigkeit sondern verändert auch die Stellung und Stellenwert der Kunst selbst. Jedem Menschen die Möglichkeit zuzusprechen, Künstler oder Künstlerin zu sein, zielte auf einen bewußt angestrebten Statusverlust der Kunst ab. Die Kunst begann Ende des 20. Jahrhunderts, ihre Stellung als etwas Herausgehobenes zu verlieren, auch weil viele Künstler damit nichts mehr anfangen konnten. Ein Prozess der Normalisierung der Kunst setzte ein. Autonomie und Selbstbestimmtheit des Künstlers verlieren an Bedeutung. Noch in den 90er Jahren sprach man hinter vorgehaltener Hand davon, dass manche Künstler nicht mehr selbst Hand Anlegen, sondern sich einer Entourage von Mitarbeitern bedienen. Heute regt es niemanden mehr auf, wenn die big Shots der Szene 100 oder 200 Mitarbeiter beschäftigen. Im Gegenteil es gilt als Zeichen des Erfolgs. Der Künstler sitzt nicht mehr im Olymp, aus dem er sich kritisch zu Wirtschaft und Gesellschaft verhält und deren Einfluss er fürchtet.  Banken, Stiftungen und Sammler zahlen Höchstpreise für gesellschaftskritische Werke und vereinnahmen damit den Künstler und sein Anliegen. Die Künstler scheint es nicht zu stören, wer mit welchem Geld ihre Werke kauft. Der Verzicht auf Autonomie und Selbstbestimmung scheint sie ebenfalls nicht zu stören. Es ist nicht mehr wichtig, dass die Kunst frei ist von anderen Interessen. Die Banken und Unternehmen muss das nicht kümmern. Sie dekorieren mit Kunst ihr Image. Und profitieren von der tradierten Aura der Kunst, an deren Auflösung sie sich aktiv beteiligen.

    Die aktuelle Entwicklung führt zurück in die Vormoderne. Künstler sind heute wieder dankbare Auftragnehmer und lassen sich in Dienst stellen. Es ist ein Wechselspiel der gegenseitigen Verstärkungen öffentlicher Wahrnehmung entstanden zwischen Künstlern und Prominenten. Der teuerste Fotograf der Welt Andreas Gursky profitiert davon. Die Freundschaft mit dem ehemaligen Teamchef von Ferrari Jean Todt machte seine Aufnahmen vom Boxenstop erst möglich. Jean Todt und Madonna sammeln seine Werke. Klar dass die Welt der Sammler und Spekulanten auf einen solchen Fotografen schaut. Das wirft Fragen nach der Ethik seiner Ästhetik auf. Nur angenommen, ein Reederei würde sein 2020 entstandenes Großformat „Kreuzfahrt“, ein Werk das ein riesiges Kreuzfahrtschiff panoramaartig abbildet, kaufen. Ein Sinnbild für den Luxus und den desaströsen Einfluss des Menschen auf die Natur im Büro des Reeders? Undenkbar. Das glaube ich nicht. Die Reederei wird in vollem Bewusstsein der symbolischen Botschaft des Bildes den Kauf tätigen und damit die Kritik an ihrer eigenen Tätigkeit vereinnahmen. Die Botschaft des Künstlers würde damit zur Handelsware.

    Von einer Kunst, die nur sich selbst dient, kann keine Rede mehr sein. Nicht selten werden „druckfrische“ Kunstwerke junger Künstler für viel Geld ungesehen gekauft. Nach drei Jahren ist der Hype um den jungen Künstler  vorbei. Der Käufer bestimmt mehr denn je, den Rang und die Anerkennung eines Künstlers. Wer sich darauf einläßt, kann schnell sehr tief fallen. Der Sammler nimmt Einfluss auf das, was als Kunst anerkannt wird. Viele Beispiele für diese Entwicklung könnte man anführen. Manche Künstler verzichten gleich ganz auf gesellspolitische Botschaften. Generell treten Diskussion über Stil, Technik, Sujet oder den Rang eines Werkes in den Hintergrund und nur noch der Preis zählt bzw. macht die Nachricht in der Tagesschau aus. Es wird ein „Neo Rauch“ in Auftrage gegeben, um das Werk sofort auf der nächstbesten Aktion weiter zu verkaufen, ohne das der Auftraggeber es jemals gesehen hat. Der „Kunstgoldrauch“ nimmt kein Ende.


    Viele junge Künstlerinnen, viele Nachwuchsfotografen die davon nicht oder noch nicht profitieren, schauen staunend zu. Sie wollen wissen, wie sie einen Fuß in diese lukrative Tür stellen können. Jungen Fotografen wird gesagt, du musst einen Galeristen finden. Galeristen bekommen jede Woche vielleicht hundert vielleicht mehr solcher Anfragen. Sprich doch einen Künstler an, der schon in einer Galerie vertreten ist oder publiziere Fotobücher mit deinen Werken heißt es dann. Am besten in einem bekannten Verlag. Wichtig ist, dass deine Bücher weltweit vertrieben werden. Dann wird schon der Anruf kommen. Klar so geht dass. Leider will der Fotobuchverlag, dass du richtig viel Geld mitbringst, also das Risiko des Verlages übernimmst. Warum nicht einen Kredit aufnehmen? Es gilt für den Nachwuchs, den neuen Wertekanon der Kunstwelt zu beherrschen und den eigenen Erfolg wie ein Unternehmer zu bewirtschaften. Hier wird endgültig klar, dass wir es in der Kunst mit einem ästhetischen und ethischen Wandel zu tun haben, der kaum noch aufzuhalten ist und Ende des Tages alle Künstler tangiert.

    Konservativ wie ich bin schlägt mein Herz für Fotografen und Fotografinnen, die für ihre Kunst einstehen und mit Kunst überzeugen wollen und nicht mit Verkaufserlösen. Klar, sie müssen auch leben und sollen gut leben, was leider vielen nicht gelingt. Deshalb brauchen wir Organisationen wie die Deutsche Fotografische Akademie, die diese Künstler fördert. Auf die Museen ist hier kein Verlass. Sie neigen nicht zu ethischen Debatten. Aber das nur am Rande.

    Christoph Linzbach