Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 02.09.2021 Hintergrundwissen

    Kunst, Fotografie und Markt IV

    Wer hat die Macht?



    2015 war in einem Leitartikel in "The Art Newspaper" zu lesen: „…the pressure for products ist shaping the work.“ Ein boomender Kunstmarkt übt seit der Jahrtausendwende einen immer größeren Druck auf Künstler aus, die Bedarfe des Marktes zu bedienen. Der Direktor des Londoner Instituts für zeitgenössische Kunst Gregor Muir wird zitiert mit dem Satz: „ Artists are born, like it or not into the market. It’s impossible to escape; in envelopes them.“ Rot hervorgehoben ist der Satz zu lesen: „ It is hard for today`s Artist to receive recognition unless they become expensive“. 

    Damit ist nicht weniger gesagt, als das die Sammler die Macht in der Kunstwelt übernommen haben. Was als  interessant und künstlerisch wertvoll gilt, bestimmt zunehmend der Markt. Anders ausgedrückt, manches das nach den klassischen Bewertungsmaßstäben der Kunstwelt tatsächlich neu und spannend zu bewerten wäre oder gar die Paradigmen verschiebt, wie wir Kunst erleben, bleibt unterhalb der Schwelle der Wahrnehmung verborgen. Wer braucht noch Kunstkritiker, wenn es einen Markt gibt?


    Dabei werden Sammler durchaus von unterschiedlichen Motiven getrieben. Unternehmen achten beim Sammeln auf die Innen- und Außenwirkung ihrer Aktivitäten. Das rein kommerzielle Interesse spielt für Unternehmen eher eine untergeordnete Rolle, wenn sie Kunst bestellen, kaufen oder gar Sammlungen anlegen. Zur Entwicklung einer Corporate Identity gehört heute, dass man mit der erworbenen Kunst vor allem auch das Unternehmensklima gestalten möchte. Fähigkeiten und Fertigkeiten des Künstlers, seine Risikobereitschaft, seine kreative Aura sollen auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und das Erscheinungsbild des Unternehmens in der Öffentlichkeit abfärben. Der eine oder andere Autohersteller engagiert einen bekannten Künstler, um seine Fahrzeuge zu dekorieren. Dieser Art des Kunsterwerbs dient nicht so sehr dem Aufhübschen des Produkts. Die Botschaft lautet: Ich bin kein langweiliger Autobauer, sondern produziere Kunst und Kultur. Der eigene Anspruch wird überhöht und der Käufer erwirbt mit dem Kraftfahrzeug eine Erzählung von Kunst und Kultur. In beiden Fällen nehmen Unternehmen als Käufer und Sammler erheblichen Einfluss auf das, was auf dem  Kunstmarkt angeboten wird sprich auf die Kunstwerke selbst.

    Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich hat nach seiner persönlichen Einschätzungen der aktuellen Entwicklungen auf dem Kunstmarkt gefragt, folgendes ausgeführt: „Mit der gestiegenen Anzahl von Sammlern hat sich auch der Sehnsuchtsort der Künstler verschoben: So ist nicht unbedingt das Museum der begehrte Ort, sondern genauso sind es eben auch private Sammlungen. All das begünstigt das Verwischen der Grenze von freier und angewandter Kunst. Diese Trennung ist eine Erfindung der Romantik: Es war die Idee der autonomen Kunst, die zu dieser strikten Unterscheidung führte.“ Viele Künstler sind heute nur allzu gerne eingebunden in ein System der Bestellungen und passen ihre künstlerischen Produktionsideale entsprechend an.

    Es werden regelmäßig Auktionsrekorde erzielt und junge Künstler, die noch keine Einzelausstellung hatten, werde von heute auf morgen zu Shooting Stars der Szene. Kein Wunder das selbst Künstler, die sich der neuen Auftragslogik verweigern wollen, früher oder später mit der Frage nach ihrem Erscheinungsbild und den Verdienstmöglichkeiten konfrontiert werden. Auch sie sind auf Galeristen angewiesen, die genau wissen, was nachgefragt wird. Angesichts des Drucks und der Logik des aktuellen Kunstmarkts erscheint der klassische künstlerische Ansatz, ich mache was ich will und wenn jemand mein Werk erwerben will, dass nehmen ich das als Geschenk an, geradezu naiv. 

    Und was will der private Sammler erwerben? Einmal natürlich das, was der Konkurrent  bereits hat. So wird dann auch der Auftrag formuliert. Es soll zudem gefällig sein und die Gäste in der häuslichen Umgebung erfreuen. Dringliches und Drastisches ist da nicht so sehr gefragt, sondern eher aus der Sicht des Innenarchitekten Passendes. Ganz in diesem Sinne ist auch die Tatsache zu bewerten, dass die großen Formaten auf dem Kunstmarkt reüssieren.  In der Fotografie wie in der Malerei. Warum hält Andreas Gursky große Formate vor? Ist die Größe wirklich essentiell für die Verwirklichung seiner künstlerischen Absicht? Natürlich nehmen den Betrachter die großen Formate ein. Und das mit voller Absicht, denn Größe steht nun mal für Macht und Dominanz. Größe löst Bewunderung aus und schüchtert ein. Das macht sich gut im Wohnzimmer des finanzstarken Sammlers. Mit monumentaler Kunst läßt sich Erfolg bestens zelebrieren.

    Die Künstler haben die Macht freiwillig an die Sammler, Galeristen und Kuratoren abgegeben. Niemand hat sie gezwungen. Über Reaktionen beispielsweise im Forum auf dieser Website würde ich mich freuen!!


    Christoph Linzbach