Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 26.08.2021 Hintergrundwissen

    Kunst, Fotografie und Markt II

    Die Idee wird zur Kunst



    Die Kunst im 20. Jahrhundert emanzipierte sich nicht nur von Auftragebern, Staat und Gesellschaft sondern brach auch mit eigenen künstlerischen Traditionen, wie das vorher kaum denkbar gewesen wäre. Maler der Vormoderne waren Teil eines ständigen kontinuierlichen Entwicklungsprozesses. Sie knüpften an die Stile, Techniken und Deutungsmuster an, die ihnen von ihren Lehrmeistern vermittelt wurden. Im Zuge einer neuen Sicht auf die Kunst und ihr Verhältnis zur Welt wollten viele Künstler der Neuzeit  Traditionslinien nicht fortsetzen, sondern in jeder Hinsicht neue Ausdrucksformen finden.

    Es waren also die Künstler selbst, die die überkommen ästhetischen Normen der Kunst grundsätzlich in Zweifel zogen. Es waren Künstler wie Marcel Duchamp, der Gegenstände zur Kunst erklärte, die mit dem herkömmlichen Werkbegriff nicht zu fassen waren. Eine neue Kunstrichtung entstand, bei es nur noch auf die Idee ankam. Auf einen Herstellungsprozess, der von technischer und stilistischer Brillanz des Künstlers gekennzeichnet ist, verzichtete er gänzlich und dokumentierte damit den vollständigen Bruch mit der Tradition. Damit gab er die Idee von einer eigenen selbstbestimmten Ästhetik auf. Die im Laufe des 20. Jahrhunderts in Gang gesetzte Befreiung von ästhetischer Fremdbestimmung findet im gänzlichen Verzicht auf jede ästhetisch-praktische Gestaltung durch den Künstler noch einmal eine Steigerung. Ein Ansatz, dem allerdings bei weitem nicht alle modernen Künstler folgen konnten und wollten.

    Der Begriff der Konzeptkunst bezeichnete eine Kunstrichtung, die immer mehr an Bedeutung gewann und die figurative Kunst, die durch die stilistische und technische Qualität der künstlerischen Arbeit gekennzeichnet war, immer mehr ins Abseits drängte. Allein die Idee sollte zählen. Dieses Konzept fand in der Malerei und der Fotografie einen durchaus unterschiedlichen Ausdruck. Unter Konzeptfotografie versteht man in der Fotografie in der Regel den ganz bewußten Verzicht auf die Gestaltung des Motivs einschließlich der Lichtsetzung und Bildaufteilung unter ästhetischen Gesichtspunkten. Edward Ruscha lichtete 1963 die Serie „Twentysix Gasoline Stations” ab. Er fotografierte mit einer bewussten Gleichgültigkeit fast schnappschussartig die Dinge in ihrer Banalität und Alltäglichkeit. Natürlich liefern auch diese Fotos eine Ästhetik. Sie ist aber nicht das Ergebnis eines kreativen Schaffensprozesses des Künstlers und spielt in seinem künstlerischem Selbstverständnis keine Rolle. Selbstverständlich gibt es viele Spielarten der Konzeptkunst. So mancher Konzeptkünstler bemüht sich nicht nur um eine kluge Idee, sondern auch um eine ästhetisch ansprechende Umsetzung, nicht zuletzt weil sich diese für den Verkauf in der Regel als förderlich erweist.

    Es ist an der Zeit zu fragen, was dieser radikale Wandel für die Kunst insgesamt und für den einzelnen Künstler bedeutet. Wenn moderne Künstler nicht nur mit allen Entwicklungslinien der tradierten Kunst brechen sondern im nächsten Schritt die Idee zur Kunst erheben bzw. die Vergegenständlichung der Idee als beliebig deklarieren, dann stellen sich viele Fragen. Wer garantiert und bestätigt  die Echtheit einer solchen Kunst oder besser formuliert, wer bestätigt mir, dass der Künstler Kunst um ihrer selbst willen produziert und nicht vor vornherein mit einer kommerziellen Absicht?  Der Künstler selbst und sonst niemand? Vielleicht das Museum, das die Idee ausstellt? Es stellen sich grundlegende ethische Fragen.

    Christoph Linzbach