Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 23.08.2021 Hintergrundwissen

    Kunst, Fotografie und Markt I

    Das Besondere mit Verfassungsrang



    Die Kunst in den westlichen Industriestaaten ist frei von staatlicher Bevormundung, wie sie das noch nie in ihrer Geschichte war. Für diese Freiheit hatte sie gekämpft. Zudem hatte sie sich endgültig von dem Image des Auftragnehmers losgesagt. Bis in das 18. Jahrhundert hinein bestand eine Abhängigkeit der Maler vom Klerus und Adel. Künstler strebten lange danach, nicht mehr an die Vorgaben und Normen ihrer Auftraggeber oder der Gesellschaft gebunden zu sein. Sie eroberten sich ihre künstlerische Freiheit. Sie wurden kritisch gegenüber der Gesellschaft und dem Staat und suchten im Nonkonformen ihr Seelenheil. Es wurden also nach und nach neue Normen in der Welt der Kunst etabliert, die allerdings nicht ohne Ausnahme blieben bzw. bleiben konnten. Zur Vollständigkeit des Bildes gehört deshalb, dass nicht wenige bekannte Künstler im 20. Jahrhundert Aufträge staatlicher Instanzen oder Unternehmen annahmen. Vielfältige Rechtfertigungen für den Rückgriff auf das Auftragsnehmertum der Vormoderne zeigen letztlich, dass die Kunst und Welt nicht zu trennen sind. Da konnte man die Autonomie noch so intensiv beschwören. Dennoch scheint die Kunst heute freier denn je, könnte man meinen.

    Die Frage was Kunst im 20. Jahrhundert ausmacht, kommt ohne den Rückgriff auf eine mehrere Jahrhunderte währende philosophische Debatte nicht aus. Ich habe bereits in den Fotografie News auf der Website des Landesverbandes Berlin Brandenburg Mecklenburg-Vorpommern versucht, einige Kriterien aufzuzeigen, die essentiell für die Bestimmung eines Kunstwerkes sind. Danach ist Kunst immer umstritten. Kunst ist kritisch. Sie sagt uns etwas über die Welt. Kunst ist nicht alltäglich sprich Kunst muss man im Fühlen und Nachdenken erfahren und verstehen lernen. Und Kunst erfüllt keinen Zweck. Fertig ist die etwas vage Begriffsbestimmung, die zur Aura des Besonderen der Kunst beigetragen hat. So könnte man die Kriterien einer Kunstdefinition zusammenfassen, wie sie bis ans Ende des 20. Jahrhundert allgemein akzeptiert wurde.

    Die Kunst im 20. Jahrhundert trieb das Streben nach Autonomie auf die Spitze. Die Avantgarde führte diese Bewegung an. Gleichwohl blieb sie naturgemäß immer Teil des Wertesystems der Gesellschaft. Keine Kunst kann sich von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft abtrennen und sich beziehungslos daneben setzen und entwickeln. Auch die noch so autonome Kunst bleibt Teil der Welt. Die entscheidende Frage ist, wie sie sich zu dieser Welt verhalten soll bzw. was sie aus der Freiheit macht, sich zu der Welt, ihren Normen und Wertesystemen frei verhalten zu können. Die Moderne Kunst des 20. Jahrhunderts hatte hierauf lange eine eine relativ eindeutige Antwort. Sie hatte einen relativ klaren ästhetischen und ethischen Kompass.

    Damit einher ging die Freiheit der Kunst. Max Schlichting wird hier oft zitiert mit seinem Hinweis, den er bei der Eröffnung der Großen Berliner Kunstausstellung 1912 gab, dass zwar Privatausstellungen das zeigen dürfen, was sie möchten, dem Staat aber die Verpflichtung obliege, jede künstlerische Bestrebung gleichmäßig zu fördern. Heute hat die Kunst Verfassungsrang und die Kunstfreiheit gehört zu den am stärksten geschützten Grundrechten. Dieser Verfassungsrang ist auch Ausdruck des Freitheitspathos geworden, mit dem über einen langen Zeitraum für die Freiheit der Kunst gestritten wurde.

    Bis zum Ende 20. Jahrhundert hinein umgab die Kunst die Aura des Besonderen. Dazu trug auch die Unbestimmtheit des Kunstbegriffes bei. Es sollte nur Kunst um der Kunst willen geben. Die Verzweckung der Kunst war verpönt. Der Künstler sollte sich nicht primär nach den Erwartungen des Publikums richten oder nach einem Markt. Kunst war etwas Herausgehobenes, kein Gebrauchsgut sprich kein Design oder Handwerk. Sie war nichts und niemanden rechenschaftspflichtig. Sie war unantastbar. Natürlich war die Kunst des 20en Jahrhunderts wie bereits gesehen nicht vollständig rein und autonom. Aber das Geldverdienen beispielsweise war immer etwas Sekundäres, auch wenn damals schon hohe Summen gezahlt wurden. Es war die künstlerische Mission und die Inszenierung der Eigenmächtigkeit des Künstlers, die zählte. Das Genie des Künstlers wurde gefeiert. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts zeichneten sich aber erste Erosionserscheinungen in der Welt der Kunst ab.



    Christoph Linzbach


    https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwelt1911_1912/0681