Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 19.08.2021 Hintergrundwissen

    Sven Johne

    Ostdeutsche Befindlichkeiten





    Der Fotograf und Filmemacher Sven Johne schreibt prägnante und irritierende Texte zu seinen Arbeiten. Er hat Film und Literatur studiert. Der Umgang mit der Sprache liegt ihm. Er hat ganz Europa bereist. Und ist auch in anderen Teilen der Welt herumgekommen. Der Osten Deutschlands lässt ihn dennoch nicht los. Im Kunstmuseum Kloster "Unser Lieben Frauen" Magdeburg waren bis zum 15. August  seine "Ostdeutschen Landschaften" ausgestellt. Vieles ist auf seiner umfangreichen Website zugänglich.

    Der erste Film des Sven Johne galt dem Vater und dem aufgelösten Vaterland. Das war die Zeit der schmerzhaften Aufarbeitung der deutschen Teilung und des Unrechts an der deutsch-deutschen Grenze. Die Sprachlosigkeit und Wut dieser Zeit sind sein Thema in diesem sehr persönlichen Film.

    In der Serie "Zirkus Probst" sammelt er die Überreste der Karawane, wie er es nennt. Es bleiben mit Sand bestreute Leerflächen, die der Zirkus Probst auf seiner Reise durch die Neuen Bundesländer hinterläßt. Die hält er in einer Serie fest. Die künstlich geschaffene Parallelwelt verschwindet so schnell wie sie entstanden ist. Schnell Aufgebautes wird in den 90er Jahren in der DDR schnell wieder abgebaut. Hat man etwas verpasst, fragt sich der Betrachter der neu entstandenen Leerstellen. Was bleibt von dem Gebrauchtwagenmarkt? Was bleibt nach dem Auftritt von Politikern übrig? Das Spektakel ist vorbei. Seine Fotos verweisen auf einen politischen und wirtschaftlichen Akt des Zuspätkommen, der das Lebensgefühl vieler DDR-Bürger nach der Wende prägt.

    Sven Johne zeigt die Industriebrachen nach dem Abzug der Treuhandabwickler ebenso wie die Eigentumsverschiebung in Ostdeutschland. Die schmucken Innenstädte gehören nicht den Ostdeutschen, so der Fotograf und das wurme die sie bis zum heutigen Tag. Der radikale  ökonomische und soziale Wandel wurde von vielen nicht verkraftet.

    2004 reist er durchs Land und erkundet die Wut und Hilflosigkeit der Menschen, die sich gegen Gerichtsvollzieher und Eigentumsverlust wenden. Wut gegen gegen das neue Recht, den neuen Staat und seine Institutionen, die auf der individuellen Ebene ausgetragen werden. Es brodelt und Menschen laufen auf  ihre ganz persönliche Art Amok. Die Zeitungen sind voll davon so der Fotograf. Ein Foto einer Landschaft bei Reichenbach unterlegt er mit dem folgenden Text:

    „Ich habe mir das gut überlegt. Ich habe mich in der DDR nicht gewehrt, heute wehre ich mich“, zitiert die Freie Presse am neunten Oktober 2004 den 44-Jährigen Kai-Uwe Knöfel, Hotelier aus Reichenbach. Knöfel behauptet seit einigen Jahren, Ministerpräsident des Landes Sachsen zu sein, und benutzt das sächsische Wappen im Briefkopf. Der als geistig völlig normal eingeschätzte Mann stand nun wegen Amtsanmaßung in Chemnitz vor Gericht. Der ehemalige Lehrer verlas hier nur eine kurze Erklärung: „Der Artikel 23 des Grundgesetzes wurde, wie Sie ja wissen, einen Monat vor dem Beitritt der DDR gestrichen. Somit gab es weder den Beitritt der DDR, noch gibt es die jetzige Bundesrepublik und ihre Länder. Ich wurde deshalb vor zwei Jahren von Kanzler Wolfgang Ebel zum kommissarischen Ministerpräsidenten ernannt. Dass Ihre Gesetze nicht rechtens sein können, wird Ihnen auch gern mein Justizminister bestätigen. Wir glauben, Ihr Richter wird irgendwann zu einer Freiheitsstrafe verurteilt werden. Heute ist die Utopie vom Vormittag die Wirklichkeit vom Nachmittag.“

    Das ganz große Thema des Sven Johne ist die Nachwendezeit. Es ist die Frage wie die 90er Jahre die politische, wirtschaftliche und soziale Situation im Osten bis heute prägen. Das zeigt er in seinen Momentaufnahmen ohne belehrend zu sein und ohne den Zeigefinger zu erheben. Er liefert keine schnellen Erklärungen, die eingängig und distanziert, scheinbar objektiv daherkommen, sondern packt uns mit seinen teils skurrilen und spröden Geschichten, die sich herkömmlichen Erklärmustern entziehen. Er liefert Fakten kombiniert mit Fiktion in seinen Fotografien und Filmen. Die Fiktion verschafft aus seiner Sicht oft einen besseren Zugang zur Wirklichkeit. Fakten alleine reichen nicht aus, um das zu fassen, was geschehen ist. So prägt man politisches Bewusstsein. Sven Johne ermächtigt uns, zu verstehen. Dabei zeigt er Engagement und viel Mitgefühl. So kommt er nah an die Befindlichkeit der Menschen heran und kann diese dem Betrachter vermitteln. Das macht die Aktualität und Relevanz seiner Arbeiten aus.

    Christoph Linzbach


    http://sven-johne.com/

    http://kunstmuseum-magdeburg.de/de/museum/