Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 16.08.2021 Hintergrundwissen

    Todesstrafe per Nahschuss

    Ein Film der Fotokünstlerin Franziska Stünkel


    
Es gibt nicht wenige Fotografen und Fotografinnen, die auch als Filmemacher erfolgreich sind. Es liegt auf der Hand, dass Fotografen, deren Verdienstmöglichkeiten in ihrem Handwerk begrenzt sind, nach einer sinnvollen Weiterentwicklung in einem benachbarten Handwerk suchen. Der Sprung zum Film ist dennoch nicht so  einfach zu bewältigen. Ohne die Auseinandersetzung mit der Dramaturgie läuft der Fotograf Gefahr eine Diashow mit bewegten Bildern abzuliefern. Die Gesetzmäßigkeiten des Schnitts wollen beherrscht sein. Die Produktion eines Films ist eine komplexe Sache. Fotografen zeigen gerne mal lange machmal viel lange Szenen. Klar ist auch, dass der Sprung schwieriger wird, um so größer der künstlerische Anspruch und die Produktion ist, an dem sich die Fotografin oder der Fotograf versucht.

    Franziska Stünkel beherrscht beide Metiers. Sie legt aktuell mit „Nahschuss“ einen Film vor, der lange Einstellungen in ein dramaturgisches Konzept überzeugend integriert. Besser geht nicht. Ihr Film hat nur halb so viele Schnitte wie eine durchschnittliche Kinoproduktion. Die langen Einstellungen ohne Musikuntermalung sind für mich eine der ganz großen Stärken des Films „Nahschuss“, den Franziska Stückle über die bis in die 80er Jahre in der DDR praktizierte Todesstrafe gedreht hat. Eine filmische Leistung dieser Qualität gelingt nur mit herausragenden Schauspielern, die solche Szenen durchhalten und zu gestalten wissen. Lars Eidinger, Devid Striesow und Luise Heyer bringen Qualitäten mit, die unter der Regie von Franziska Stünkel voll ausgereizt werden.

    Sie legt kein moraltriefendes Lehrstück vor, die bei der Bearbeitung von DDR-Themen fast reflexartig zu entstehen scheinen, sondern ein spannendes Polit- und Psychodrama und ein Krimi- und Horrorfilm zugleich, dessen erzählerische Dichte und andeutungsreiche Bildsprache in jeder Einstellung überzeugen. Der Film erzählt den Konflikt eines Menschen mit einem übermächtigen Staatsapparat. Lars Eidinger gelingt es, die Wirkung des subtilen sich ständig steigernden Terrors auf einen Menschen sichtbar zu machen, während Striesow das noch immer oft verharmloste Systems des Überwachens und Strafens der DDR überzeugend verkörpert.

    Die Geschichte und der historische Hintergrund:  Der frisch promovierte Franz Walter erhält ein Angebot vom Auslandsnachrichtendienst der DDR. Er geniest das neue Leben mit seine Freundin Corina. Sein Vorgesetzter Dirk zeigt sich als hilfsbereiter Unterstützer und Lehrmeister während der gemeinsamen Auslandseinsätze in der BRD. Die Anforderung des Systems an Franz werden immer fragwürdiger. Sie erfordern den Einsatz von Mitteln, die er mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren kann. Das System will ihn nicht gehen lassen und sein Überlebenskampf nimmt zunehmend existentielle Züge an. Die Todesstrafe in der DDR wurde bis 1968 mit dem Fallbeil vollstreckt. Danach ging die DDR dazu über, die Verurteilten mit einem unerwarteten Nahschuss in den Hinterkopf zu töten. Werner Teske war der letzte Mensch, der 1981 auf diese Weise hingerichtet wurde. Er wurde wegen Spionage und Fahnenflucht zum Tode verurteilt. Hier knüpft die Geschichte an.

    Doch zurück zur Fotokünstlerin. Franziska Stünkel reist seit zehn Jahren mit ihrer Kamera durch Asien, Afrika, Europa und Amerika auf der Suche nach natürlichen Reflexionen auf Schaufensterglas. Sie wird zitiert mit den Worten: „Spiegelungen auf Glas umgeben uns alltäglich. Es sind irrsinnige Verdichtungen, die für mich von der Komplexität der Welt erzählen. Gerade heute ist es so wichtig zu begreifen, wie sehr wir miteinander vernetzt sind. Das Handeln und Denken jedes Einzelnen hat Auswirkungen auf Alle und Alles“ Im Jahr 2020 ist im Kehrer Verlag ihr Bildband „Coexist“ erschienen. Koexistenz und Verdichtung sind ihre fotografischen Themen, die sich in ihrem aktuellen Film durchgängig wiederfinden. Hier erschließt sich der Kreis.

    Christoph Linzbach

    https://www.franziskastuenkel.de/