Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 09.08.2021 Hintergrundwissen

    Sabine Hornig

    Das muss man gesehen haben!



    Der Flughafen La Guardia einst eine Ikone der Luftfahrt war nach jahrzehntelanger Vernachlässigung in eine beklagenswerten Zustand. Eine millardendenschwere in großen Teilen nun abgeschlossene Renovierung macht den Flughafen wieder zu einer beeindruckenden Reiseerfahrung in Sachen Funktionalität und Optik.

    Die transparente Fotocollage „La Guardia Vistas“ der in Berlin ansässigen Künstlerin Sabine Hornig trägt wesentlich zur neuen Anmutung des Flughafens bei.  Die Fotocollage bestehend aus über 1100 Einzelfaufnahmen füllt mit ihren Abmessungen - Höhe fast 13 Meter und Länge rund 82 Meter - eine Glasfassade, die den Besucher von der Ankunft- und Abflughalle im Terminal B zu den Parkplätzen des Terminals führt. Das Werk dieser weltweit anerkannten Künstlerin ist allerdings weit mehr als eine Dekoration oder Aufhübschung eines Flughafens.

    Diese Collage ändert unsere Wahrnehmung einer städtischen Landschaft. Das durch die Fenster strömende  Sonnenlicht lässt den Besucher durch eine kaleidoskopartige Farbenflut schreiten, die sich aus zwei collagierten ineinandergreifenden Stadtpanoramen ergibt, wobei eine dieser Stadtlandschaften auf den Kopf gestellt in die andere überzugehen scheint. Die von unten nach oben gerichteten Szenen sind in die Farben der Dämmerung gehüllt, während die obere Hälfte aus auf den Kopf gestellten Elementen der Skyline New Yorks besteht, die in den goldenen Farben der Morgensonne daherkommen. In der Wintersonne wirkt das Bild wie ein Diapositiv. Die Besucher laufen über eine Projektion von einem Teil des Flughafens zum anderen. Zwei Skylines: Ein Positiv und ein Negativ greifen ineinander. Beide Hälften mit Bedacht fotografiert die der Horizontlinie entpricht, so wie sie beim Blick aus dem Flughafengebäude sichtbar ist.

    Der Titel des Werkes erinnert an den Gründer des Flughafens, den New Yorker Bürgermeister Fiorello La Guardia im Amt 1933 - 1945. Sabine Hornig hat 20 Zitate des damalige Bürgermeister über La Guardia in die Fassade integriert. Wie zum Beispiel ein Zitat aus dem Jahre 1933 der Zeit der großen Depression: „There is no democratic or republican way of cleaning the streets.“ 20 kluge in dem Setting eines Flughafens wohltuend irritierende Zitate. Das ist Sabine Hornig wichtig, die den demokratischen Spirit ihres Werkes betont.

    Sabine Hornig verbindet in ihrem Werk Fotografie, Skulptur und Installation in einer Weise, die den Betrachter in eine verwandelte Welt eintauchen lassen. Sie erkundet den  Gegensatz und die Spannung zwischen der eindimensionalen Oberfläche und dem dreidimensionalen Raum. Sie sieht im transparenten architektonischen Medium Funktionen wie Oberfläche, Gegenstand und Durchgang zugleich und spielt mit diesen.

    Die Stadtansicht in der Morgensonne kommt der eigentlichen Skyline von New York relativ nahe, während die dunklere Ansicht aus einer Vielzahl von Einzelbilder neu zusammengesetzt sind, gleichwohl für sich betrachtet ein stimmiges Bild darstellt. Die Fotografin nutzt Aufnahmen der Stadt fotografiert mit einer hochauflösenden Kamera, die uns nicht nur neue räumliche Perspektiven eröffnen sondern auch flüchtige Momente im Leben dieser Stadt auf einer Ebene vereinen. Die Collage simuliert den Blick von Queens auf die Stadt und verknüpft den Tag mit der Nacht und wer an das Bild herantritt, für den wechselt die Panoramaansicht übergangslos  in die Detailansicht auf tausende Personen in einer atemberaubenden Auflösung.

    Beindruckend auch die symbolische Umkehrung der Gebäudehierachien, in der die höchsten Wolkenkratzer auf die kleinsten Häuser der Stadt treffen. Das Kunstwerk wirk alles andere als anitquiert, dennoch hat das monumentale Werk eine fast sakrale mittelalterliche Anmutung. Die FAZ trifft es sehr gut, wenn sie von einer „Kathedrale des Verkehrs“ spricht. Andere bemühen den Begriff des Palimpsest, weil die Künstlerin sowohl den an der Fassade vorbeifahrenden Autoverkehr einbezieht wie die Spiegelung der Betrachter im Inneren.

    Der Rhythmus der Komposition spiegelt den Herzschlag der Stadt wider. Wir kennen die Erzählung, dass die Menschen in New York alles schaffen, nach oben kommen möchten und können. Die Glasfassade bildet einen leichten Bogen, so dass man innen auf den Blick auf einzelne Abschnitte beschränkt bleibt und nur von aussen die Fassade als Ganzes zu erkennen ist. Auf beiden Seiten der Fassade kommt der Wunsch auf, die jeweilig andere Perspektive einnehmen zu können. Der Betrachter will die Detailsicht und das Panorama betrachten. Er will das ganze Kunstwerk erfahren.

    Die Fotografin sagt in einem Public Art Fund Talk, dass sie selbst die Collage noch nicht vor Ort besichtigen konnte. Das wird hoffentlich bald möglich sein. In jedem Fall kann man New York reisenden Fotografinnen und Fotografen nur empfehlen, in La Guardia zu landen. Allein um der Kunst willen.

    Christoph Linzbach

    https://sabine-hornig.de/de#image-3

    https://www.youtube.com/watch?v=WhfF41x8oR0

    https://www.tanyabonakdargallery.com/usr/library/documents/main/artists/38/hornig_bio_2021.pdf