Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 12.08.2021 Hintergrundwissen

    Brandenburger Industrielandschaften

    In der Museumsfabrik Pritzwalk vom 04. 07. 2021 bis 02. 01. 2022 zu sehen



    Die Hoffnungen nach der Wende auf eine gelingende Transformation der Wirtschaft waren groß.  Sie stellten sich schnell als Illusion heraus. Die Anlagen in vielen Betrieben waren überaltert. Man war plötzlich einem globalen Markt ausgesetzt. Die DDR hatte über ihre Verhältnisse gelebt. Das war vielen Bewohnern bewußt und die Währungsunion war so gewünscht wie unvermeidlich. Die Folge war allerdings eine tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Anpassungskrise. Bitter für viele Menschen, die auf eine schnellere Besserung gehofft hatten.

    Das es nicht einfach werden würde, war fast allen klar. Es waren die  unhaltbaren Versprechen über eine rasche Angleichung der Einkommen an das Westniveau, die für nachhaltigen Verdruss sorgten und die bis in die heutige Zeit hineinwirkenden Diskussionen über das, was richtig oder falsch gemacht wurde und über das, was gut oder schlecht gelaufen ist, befeuerten. Die Politik hätte nicht wirklich einen anderen Weg beschreiten können, aber deutlich mehr Empathie und Einfühlungsvermögen gegenüber den Menschen wäre angebracht gewesen. Viel zu viele Menschen fühlten sich mit ihrer eigenen Lebensleistung abgewertet.

    Im Lichte dieser Entwicklung verdient der Fotograf Lorenz Kienzle höchste Anerkennung, der die Entwicklung der Brandenburger Industrielandschaften von 1992 bis heute mit viel Verständnis aber ohne jegliche Verklärung dokumentiert. Er stellt den einzelnen Menschen in seinem Arbeitsumfeld damit auch seine soziale und ökonomische Befindlichkeit in den Mittelpunkt.

    Selbstverständlich gab es auch in der DDR Betriebe, auf die die Menschen stolz waren. Die Gubener Hutwerke blicken auf eine alte Tradition zurück. Sie war 1822, als erste Hutfabrikation in Guben von Carl Gottlieb Wilke in einer Hinterhofwerkstatt gegründet worden. Im Jahre 1925 existierten in Guben 11 Hutfabriken, 7 Hutformenfabriken, ein Hutstoffwerk sowie zwei Maschinenfabriken, die Hutmaschinen bauten. Guben war das Zentrum  der deutschen Hutindustrie. Der Fotograf beschreibt auf seiner Website wie er die letzte verbliebene Hutfabrik in der Gasstraße in Guben ganz zufällig 1992, beim Umsteigen vom Zug in einen Bus entdeckte.

    „Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt noch in der fotografischen Ausbildung am Lette-Verein in Berlin und machte eine kleine Reportage über die Hutfabrik. Im Lauf der kommenden Jahre illustrierten diese Bilder verschiedene Zeitungsartikel, die sich mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Hutfabrik beschäftigten. 1999 wurde ich beauftragt die Arbeitssituation in der Hutfabrik genau zu dokumentieren, da es Pläne gab, die Produktion in einer neuen, kleineren Produktionsstätte weiterzuführen. Die riesige Hutfabrik, ursprünglich für 500 Arbeiter ausgelegt, war schlicht zu teuer im Unterhalt. Sie hatte im Jahr zuvor bereits Insolvenz anmelden müssen. Als ich im April 1999 anfing dort zu fotografieren, gab es nur noch 10 Hutmacher, die in der Produktion arbeiteten. Ich fuhr regelmäßig nach Guben und fotografierte nach und nach auf allen Arbeitsstationen, von denen es damals mehr gab als Hutmacher. Im Dezember des gleichen Jahres nahm mich die damalige Direktorin beiseite und kündigte an, dass es mit dem Umzug nichts mehr werde und sie die Fabrik vermutlich zum Jahresende schließen müsse. Die Angestellten waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht darüber informiert worden. Ich saß am gleichen Tag etwas beklommen mit zwei Hutmachern in ihrem Pausenraum vor einem Adventskranz und trank mit ihnen Kaffee.“

    Der Niedergang der Gubener Hutindustrie begann, so der Fotograf, bereits im 3. Reich mit der Enteignung einiger Fabriken, die jüdischen Fabrikanten gehört hatten. Mit der Schließung 1999 war der Niedergang der deutschen Hutmacher abgeschlossen. Es gab viele Gründe für den Niedergang. 2014 zeigte das LVR-Industriemuseum in Ratingen in einer der ältesten erhaltenen Industrieanlagen in Deutschland, der Baumwollspinnerei Cromford, eine Ausstellung mit dem Titel „Châpeau – 150 Jahre Hutgeschichte(n)“ wie allmählich die Hüte aus und von unseren Köpfen verschwunden sind. Der Untergang der Gubener Werke war   Teil der Ausstellung. Die Hutfabrik C. G. Wilke wurde zunächst als Reperaturdienst und zur Aufarbeitung alter Hüte nach dem 2. Weltkrieg aufrecht gehalten. 1948 wurden die Inhaber enteignet und in den VEB Werthut Werk umgewandelt. 1952 wurden die verbliebenen Hutfabriken in den VEB Vereinigte Hutwerke Guben zusammengefaßt. Zu dieser Zeit hatte der VEB 1200 Beschäftigte. Die internationale Vermarktung der Wilke Hüte wurde auch in DDR-Zeiten weitergeführt. Nach der Wende sank die Zahl der Mitarbeiter rapide. 1990 waren es bereits nur noch 600 und 1992 nur noch 70. Mit der Schließung 1999 gingen die letzten 10 Arbeitsplätze verloren. Der Fotograf Lorenz Kienzle blickt auf die Frauen im Betrieb am Ende dieser Entwicklung.

    Die Ausstellung bietet weit mehr als nur den Blick auf das Sterben der Hutindustrie in Guben. Der Industriepark “Schwarze Pumpe“ , die Wollspinnerei “Spinnerei Forst“ und das „Zahnradwerk Pritzwalk“ sind Thema der Präsentation des Fotografen Lorenz Kienzle. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Braunkohleabbau Jäschwalde gehört ebenfalls dazu. 30 Jahre brandenburgische Energie- und Textilindustrie hat er dokumentiert und die von der Braunkohleförderung aufgerissenen und verletzten Landschaften der Niederlausitz begleitet. Dafür ist ihm zu danken

    Christoph Linzbach

    www.museum-pritzwalk.de
    http://www.lorenzkienzle.com/de/hutmacher.html