Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 29.07.2021 Hintergrundwissen

    Carsten Büll

    Contergan - Fünf Lebensgeschichten und mehr



    Der Volkswirt und Sozialökonom Carsten Büll lebt und arbeitet seit 2000 als freiberuflicher Fotograf in Heidelberg. Seine Schwerpunkte umfassen nach eigenen Angaben Reportagen, Portraits, Architekturaufnahmen und Dokumentationen, die er für Magazine, Verlage und Unternehmen sowie in freien Arbeiten fotografiert.

    Er ist Mitglied der Bildagentur plainpicture. Der Bundesverband professioneller Fotografen schreibt: „Plainpicture manifestiert sich als alternative Quelle für Fotografie… . So versteht sich die Hamburger Agentur weniger als reiner Bildlieferant, sondern vielmehr als Inspirationsquelle für Kreative aus der Werbe-, Design- und Verlagsbranche, die sich nicht im Dickicht der Bilderflut verlieren möchten. …“ Die Website ist mehr als einen Blick wert.

    Einfach und unprätentiös ist auch die Bildsprache des Carten Büll, die er in seinen Auftragsarbeiten für Printmedien wie den Stern, Unternehmen aber auch in seinen sehr persönlichen Aufnahmen umsetzt. Er passt also ganz gut zu dieser Agentur, die für „Pure Photographie“ steht. Menschen spielen in seiner Fotografie eine zentrale Rolle. Hierbei nimmt er sich auch Themen an, die viele andere Fotografen eher meiden.

    Im Herbst 2007 erschien sein Buch „Contergan  -  fünf Lebensgeschichten“ und fast zeitgleich das Buch „Heidelberger Menschen und Emotionen“. (beide im Wellhöfer Verlag erschienen).

    Der Verlag schreibt über sein Heidelbergbuch: „Dieses Buch will in erster Linie ein Lebensgefühl einfangen, die Stimmung von Menschen, in die sie geraten, wenn sie ihre Heimatstadt Heidelberg vor Augen haben. Der individuelle Blick von etwa 100 Heidelbergerinnen und Heidelbergern ergibt eine Schau auf die Stadt, von der sich viele Besucher aus der ganzen Welt ein Bild machen … Die Einheimischen erzählen in diesem Buch, warum sie diese Einschätzung oft teilen, natürlich ebenso, wo sie an Heidelberg leiden.“

    Auf dem Infoportal der Conterganstiftung hat er kürzlich ein Interview über seine Arbeit mit Menschen gegeben, die ihr Leben lang unter den Folgen des größten Arzneimittelskandals dieses Landes leiden. Er beschreibt anschaulich seinen Zugang zu der Thematik, die Aufgabe Vertrauen zu gewinnen und das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu wahren. Beides wichtig  für den Erfolg eines dokumentarischen Projektes. Befangenheit gegenüber den Betroffenen in der Gesellschaft und der Vorwurf des Voyeurismus an den Fotografen waren nur zwei Rahmenbedingungen, die dieses Projekt zu einer ganz besonderen Erfahrung für ihn machten.

    Jede Gesellschaft neigt zur Verdrängung. Carsten Büll hat damals dazu beigetragen, dass die schrecklichen Folgen einer einzigen Tablette wieder in den Medien aufgerufen wurden. Die Reaktionen auf sein Buch wie auch auf jede andere öffentliche Konfrontation mit dem Thema zeigten und zeigen bis heute den völlig unzureichenden Umgang der Gesellschaft mit einem unfassbar großen Skandal und den davon betroffenen Menschen. Auf der individuellen Ebene blicken wir immer noch mit Beklemmung auf die Schädigungen als würde es sie nicht schon seit Jahrzehnten geben. Wir reduzieren Menschen auf ihre Schädigung, verweigern ihnen die Wertschätzung ihrer Persönlichkeit und einen normalen Umgang. Wer bereit ist, sich auf contergangeschädigte Menschen einzulassen und auf Augenhöhe kommuniziert wird emotional und intellektuell in einer Weise beschenkt, die viele von uns sich nicht vorstellen können. Ein Anfang wäre gemacht mit dem Buch von Carsten Büll, dass nach wie vor erhältlich ist. Es zeigt, dass Verdrängung kein guter Ratgeber ist für niemanden. Und es zeigt, das Verdrängung unweigerlich zu Verlust führt.

    Christoph Linzbach

    www.carstenbuell.de

    https://www.contergan-infoportal.de/news/die-eigentliche-herausforderung-beim-fotografieren-sind-die-menschen/

    https://www.plainpicture.com/de