Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 26.07.2021 Hintergrundwissen

    Die Galerie Pankow

    Eine Künstlerin und drei Künstler im Gleichklang auf unterschiedlichen Wegen. Sehenswert!



    Inszenierte Fotografie ist der Titel einer Ausstellung der Künstlergruppe Engelberg in der Galerie Pankow in der Breite Strasse 8 in Berlin, die noch bis zum 29.08.2021 läuft. Der Leiterin Annette Tietz stehen circa 150 qm Ausstellungsfläche zur Verfügung. Die Größe ist nicht ganz unwichtig, will man gleich einer Künstlerin und drei Künstlern Raum zur Entfaltung und zur Interaktion ihrer Werke geben. Es gibt in einer der ältesten kommunalen Berliner Galerien Berlin derzeit viel und vielfältiges zum Thema Inszenierung zu sehen.

    Katharina Mayer, Matthias Leupold, Andrej Glusgold und Kurt Buchwald bilden das künstlerische Quartett. „Die Fotografie ist die formal-technische Klammer“ schreibt die Künstlerin über den Verbund der vier Persönlichkeiten, die sich bei aller Pflege ihrer Seelenverwandschaft wohl als Interessengemeinschaft sehen, deren gemeinsames Auftreten auch die individuelle Position stärkt. Das ist klug und legitim, weil es dem Betrachter ein überzeugendes Künstlergruppenerlebnis verschafft.

    Wer mit Hilfe der Fotografie inszeniert, will Neues schaffen und hinterfragt dabei  automatisch den Realitätsbezug des Mediums. Inszenierung bedeutet in der Kunst auch immer Performanz. Es wird nicht etwas gezeigt, was an andere Stelle bereits existiert sondern etwas Neues, dessen Genese im besten Falle sich vor dem geistigen Auge des Betrachters vollzieht. Das Betrachten wird zur Erfahrung. Eine Strategie ist notwendig, um Neues zu schaffen. Die Inszenierung ist eine komplexe Strategie, sich selbst und sein Gegenüber zu erkunden, Neues über die Welt zu erfahren und für andere erfahrbar zu machen. Inszenierte Fotografie will nicht einfrieren, sondern bildet einen erfahrbaren Prozess ab.

    Ganz wunderbar gelingt dies in der Serie „getürkt“ der Katharina Meyer, die unsere Rollen- und Klischeevorstellungen hinterfragt, in dem sie Frauen in traditionelle Kleidung aus unterschiedlichen Kulturräumen hüllt und einander gegenüber stellt. Im Zuge des Betrachtens der Serie erfahren wir die Dekonstruktion vorgefasster Einstellungen und lernen, dass wir uns neu positionieren müssen.

    Mathias Leupold verarbeitet eigene Erfahrungen aus der Zelle in der Untersuchungshaft der DDR, in dem er Gesten in düsterer Umgebung tanzen läßt. Das Durchschreiten der Zelle und die Absonderung im Raum wird in klaustrophobisch wirkenden Gesten gespiegelt. Die Wiederaufführung einer extremen Lebenssituation im Tanz läßt den Betrachter die Zelle und das Trauma nachempfinden.

    Ganz anders Andrej Glusgold, der versucht, das Innerste des Menschen nach aussen zu kehren und darin archetypische Bewusstseinszustände zu identifizieren und erfahrbar zu machen. Der innere Welt des Menschen kann man nahekommen, sie aber nicht endgültig ergründen. Die Suche nach dem großen Geheimnis menschlicher Existenz  ist  langjährige fotografische Aufgabe und Lebensmotto zugleich. Absurdes, Surreales wird fotografiert und gezeichnet. Zeichnungen befreien ihn von der Wirklichkeitsbindung der Fotografie. Das ist für ihn ein Vorteil, ermöglicht die Zeichnung die Darstellung unaussprechlicher Zwischentöne in der Suche nach dem, was hinter der Wirklichkeit steckt.  Ein Schritt näher an das Geheimnis des Menschen. Eine Stärke der Fotografie liegt für ihn in dem Anhalten der Zeit und dem Zeugnis ablegen. Banale Aufnahmen wie auch inszenierte Fotografie zeichnen aus seiner Sicht einen Zustandsbericht von der Zeit ab, in der das Foto gemacht wurde und werden dank dieser Eigenschaft in späteren Zeiten wertvoll. Sein Foto von der Frau mit Bär spiegelt einen grundständigen Gemütszustand des Menschen. Sie stammt aus der Serie deutscher Portraits, die mit den Klischees vom Deutschsein spielt. Sehenswert. Mythen verweisen  für ihn auf archetypische Bewußtseinszustände. Der ursprüngliche Charakter der Kunst lag im kultischen Bereich. Das Unsagbare der Welt der Götter und Damönen wurde in der frühen Kunst verbildlicht.  Daran will er anknüpfen. Das will er fotografisch inszenieren.

    Auch für Kurt Buchwald ist Kunst Bewegung, Veränderung und Erfahrung. Er ist ohne jeden Zweifel einer der ganz Großen der konzeptionellen Fotografie in Deutschland und genialer Aktionskünstler, mit einem grenzenlosen Humor ausgestattet. Ich will hier nicht auf die in der Gruppenausstellung gezeigten Arbeiten eingehen, die sich lohnen ohne Frage, sondern auf eines seiner Projekte, dass mir am Herzen liegt. Kurt Buchwald täuschte mit seinem Amt für Wahrnehmungsstörung (AFW) 1993 die hoheitliche Anmutung eines staatlichen Amtes vor und beglaubigt damit die Handlungen der neuen Institution, die mit künstlerischen Mitteln wie  sogenannten Bildstörungen, Bildverweisen, Fotografierverboten mit den Wahrnehmungsgewohnheiten der Zuschauer spielte und diese hinterfragte. In seiner pseudoamtlichen Aktion „Fotografieren verboten“ untersagt er das Knipsen auf öffentlichen Plätzen, vor weltbekannten Sehenswürdigkeiten und touristischen Aussichtspunkten. Mit erfundenen Warnschildern und amtlichen Bekanntmachungen irritiert er die Betrachter und regt zum Nachdenken über die Welt und unsere Sicht darauf  an. Es ist deshalb mehr als angemessen gewesen, dass die Galerie Pankow  ihm 2018 mit Limes Mundi eine Einzelausstellung gewidmet hat.

    Die Ausstellung in der Galerie Pankow muss man gesehen haben und als Einstieg nutzen in das Werk einer Künstlerin und dreier Künstler, die allesamt herausragen.

    Christoph Linzbach

    https://galerie-pankow.de/