Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 08.07.2021 Hintergrundwissen

    Filme, Film Stills und die Fotografie 1

    Warum Filme für Fotografinnen und Fotografen wichtig sind.



    Wenn man in seinem Browser den Suchbegriff „Filme für Fotografen“ eingibt, dann werden gleich mehrere Seiten mit entsprechenden Empfehlungen angezeigt. Es gibt eine Reihe von Gründen, warum ich mir Filme aus der fotografischen Perspektive anschauen sollte. Dokumentationen über Fotografinnen könne ähnlich anregend sein wie Filme über bestimmte fotografische Genre zum Beispiel die Streetphotography. Und ganz klar die technischen Gemeinsamkeiten zwischen Film- und Fotoerstellung sind offensichtlich. Nahezu jeder Fotoapparat ist heutzutage gleichzeitig Filmkamera. Viele Fotografen sind auch Filmemacher.

    Filmemacher und Filmemacherinnen legen ganz selbstverständlich wie Fotografen auch größten Wert auf die Komposition und Farbgebung ihrer Bilder. Es gibt die Seelenverwandtschaft  zwischen Film und Fotografie, eine tiefe Verbundenheit, die sich in einer  Ästhetik ausdrückt, die viele Gemeinsamkeiten aufweist. Die Filme Hotel Budapest oder Damengambit sind ein bild- und farbkompositorischer Augenschmaus. Viele Schlüsselaufnahmen beider Filme würden auch als preisverdächtige Fotografien funktionieren.

    Die Bildästhetik einer Schlüsselszene im Film anhand einer einzigen Aufnahme zu analysieren und zu bewerten, kann für den Fotografen lehr- und hilfreich sein bei der Entwicklung seiner eigenen Handschrift. Muss ich mir deswegen den Film anschauen oder reicht es aus, mir ein Werbeplakat des Studios zuzulegen? Gängige Praxis auch heute noch ist der Einsatz von Film Stills als Werbematerial im Kinofoyer. Sie repräsentieren den Film. Sie sollen seine Atmosphäre und Handlung in einer einzigen Aufnahme so verdichten, das der Kinogänger Lust auf das Produkt bekommt und eine Ahnung davon erhält, was ihn als cinematografisches Erlebnis erwartet. Allerdings handelt es sich bei diesen Aufnahmen oft um nachgestellte Szenen, die zudem in erheblichem Umfang bildbearbeitet sind. Sie sind zumeist nicht Teil des Films also keine Standbilder im eigentlichen Sinne. Und wenn sie ursprünglich Teil des Films waren, so kann es durchaus sein, dass sie dem finalen Cut zum Opfer fielen. Will ich die fotografische Qualität eines Films erfassen, reicht ein Film Still nicht nur nicht aus, sondern kann den Betrachter auch in die Irre führen.

    Das Verhältnis von Film und Film Still ist komplex und spannend zugleich. In ihrer Reihe Untiteld Filmstills (1977-1980) erzeugte die Fotografin Cindy Sherman die Erinnerung an Filme, die nie gemacht wurden, die es aber durchaus hätte geben können. Sie lotet Rollenbilder aus Film und Fernsehen aus, die zur damaligen Zeit gängig waren. Ihre Film Stills unterlaufen unsere Erwartung. Sie verweisen auf keinen konkreten Film aber auf real existierende  Stereotypen, die typisch für die damaligen Hollywoodproduktionen waren. Damit greift sie die Praxis der Studios auf, Szenen in einem Foto als Film Still nachzustellen, um diese gleichzeitig als "Fake" zu entlarven. Film Stills waren also würdiger Anlass und Gegenstand einer bahnbrechende Arbeit der Fotografin Cindy Shermann. Genrecharakter in der Fotografie wird den Set-Aufnahmen bis heute jedoch nicht zugesprochen.

    Wenn man sich dieser Besonderheiten und Funktionen der Film Stills, der Art wie sie zustande kommen und ihrer bis etwa 1910 zurückreichenden Tradition bewußt wird, dann müßte man doch von einer eigenständigen fotografischen Gattung sprechen können, die uns viel über das mediale Verhältnis von Fotografie und Film sagt. Die Abertina in Wien würdigte die Set-Fotografie im Jahre 2017 mit einer Ausstellung von 130 Fotografien, die als  wichtige und eigenständige Produkte begleitend zur eigentlichen Filmproduktion in Auftrag gegeben wurden.  Die Albertina möchte folgendes zeigen. „Die Funktionen von Film-Stills, die von Brüchen und Kopplungen gekennzeichneten Schnittstellen zwischen Fotografie und Film, sowie der künstlerische Mehrwert von Standbildern werden beleuchtet.“ Gerade die Set-Fotografie ist ein Feld, das aus Fotografensicht eine vertieften Betrachtung verdient. Viel mehr als nur den schnellen Blick im Foyer auf das bevorstehende Filmereignis.

    Christoph Linzbach

    https://www.albertina.at/ausstellungen/film-stills/