Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 15.07.2021 Hintergrundwissen

    Der Augenblick in der Fotografie

    In der Fotografie ist der Augenblick entscheidend. In der Fotografie ist der Augenblick unwichtig.



    Beide Positionen sind gegensätzlich; beide Positionen sind in der Geschichte der Fotografie von namhaften Fotografen vertreten worden.

    In den 20er und 30er Jahren kultivierte eine Reihe von Fotografen, wie Boris von Brauchitsch ausführt, „eine Fotografie des Augenblicks“. Beispielhaft seien hier André Kertész, Brassai und Henri Cartier-Bresson genannt. André Kertész „versuchte die Flüchtigkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens … festzuhalten“. Henri Cartier-Bresson, der als Vorreiter der Straßenfotografie stets auf der Suche nach der spontanen Begegnung war, forderte höchste Konzentration und Offenheit für das Unerwartete, „denn nur so könne man zum klareren Verständnis der Menschen und Geschehnisse kommen.“ Nicht mehr das Bleibende genoss Priorität, sondern die Schönheit des Spontanen trat in den Vordergrund.

    Die technische Weiterentwicklung, die untrennbar mit dem Name der Firma Leitz verbunden ist, ermöglichte diese neue fotografische Position. 1925 hatte die Firma Leitz eine Kleinbildkamera mit einem Film für 36 Aufnahmen und einem Negativformat von 24 x 36 mm auf der Leipziger Messe vorgestellt: die Leica. Im Vergleich zu den großformatigen Box- und Balgenkameras, die Anfang des letzten Jahrhunderts üblich waren, war die Leica ein großer Fortschritt. Ihre flexible Handhabung und die nun technisch mögliche kurze Belichtungszeit waren die Voraussetzungen für diese Art der spontanen und lebendigen Fotografie.

    Henri Cartier-Bresson beschrieb diese fotografische Position wie folgt: „Ich unterscheide zwischen denjenigen, die Photos vorher arrangieren, und denen, die auf die Suche nach einem Bild gehen und es dann festhalten. Die Kamera ist für mich ein Skizzenblock, ein Instrument der Intuition und Spontanität, der Meister des Augenblicks, der mit den Mitteln des Visuellen gleichzeitig fragt und entscheidet.“

    Demgegenüber formulierte der italienische Fotograf Gabriele Basilico die Gegenposition: “Den >entscheidenden Augenblick< der Reportage hatte ich Schritt für Schritt durch die >Trägheit des Blickes< ersetzt, fast so als wolle ich sämtliche Einzelheiten erfassen, bis hin zur Verflechtung der Dinge, welche die Landschaft bei näherer Betrachtung zu bieten hatte“. Die Momentaufnahme hatte, wie Boris von Brauchitsch beobachtet, „in seinem Werk keinerlei Relevanz mehr, und mit der Trägheit des Blicks ging eine Verlangsamung der Zeit vonstatten. Der Mensch ist ausgeblendet, und nur noch die Relikte der Un-Orte, die er hinterlassen hat, zeugen von seiner Existenz. Die Verehrung des Urbanen, in dem sich Geschichte verdichtet, ist bei Basilico gepaart mit der visualisierten Abwesenheit derjenigen, die Geschichte machen“.

    Aus deutscher Sicht hatte sechzig Jahre zuvor (1933) Werner Gräff gefordert: „Bei Aufnahmen, die ruhiges Arbeiten nur irgend zulassen, sollte der Zufall im Bild ausgeschaltet werden. Exakte Führung des Beschauenden, die sorgfältige Wahl oder Herausschälung der Gegensatzpaare: Form und Formdetail, hell und dunkel, groß und klein, ist allein imstande, die Fotografie aus einer nachahmenden, bestenfalls dokumentierenden Technik zum gestaltenden Ausdrucksmittel zu machen“. Nach dem Krieg ist für diese fotografische Position der Vermeidung des Zufalls in Deutschland das Ehepaar Hilla und Bernd Becher zu nennen. In ihren fotografischen Serien von Fördertürmen, Wasserspeicher, Industriehallen und Fachwerkhäuser hatte der entscheidende Augenblick keine Bedeutung.

    Neben der Architekturfotografie sind hier auch noch die Objektfotografie, die Lebensmittelfotografie und Stilleben sowie die grafische Fotografie zu nennen.

    Jeder Fotograf bleibt herausgefordert, für sich zu entscheiden, ob der Augenblick in seiner Fotografie wichtig ist oder eben nicht.

    Wolfgang Lasars

    www.wolfganglasars.com

    Die empfehlenswerte Quelle, aus der auch die Zitate stammen: Boris von Brauchitsch, Kleine Geschichte der Fotografie, Reclam, 3. Auflage 2018

    Ebenso lesenswert und mit dem Zitat von Werner Gräff: Texte zur Theorie der Fotografie, herausgegeben von Bernd Stiegler, Reclam, 2010 

    Weiterführende Informationen zu einzelnen Fotografen:

    https://www.wikiart.org/de/andre-kertesz

    http://www.artnet.de/künstler/henri-cartier-bresson/

    http://www.artnet.de/künstler/gabriele-basilico/

    http://www.artnet.de/künstler/bernd-and-hilla-becher/