Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 05.07.2021 Hintergrundwissen

    Linda Conze

    Leiterin der Sammlung Fotografie am Kunstpalast Düsseldorf



    Die im DVF organisierten Fotografinnen und Fotografen haben ein hohes Interesse an Fotokunst und den künstlerischen Möglichkeiten der Fotografie. Besuche in Galerien und öffentlich zugänglichen Sammlungen sind fester Bestandteil unserer Passion. Wer bestimmt, was in Sammlungen und Galerien hängen darf, ist deshalb für uns nicht ganz unwichtig. Die Galeristin oder den Galeristen um die Ecke mag man noch persönlich kennen. Bei den großen Sammlungen sieht das schon anders aus. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, dass die „PHOTONEWS“ mit Linda Conze bereits die dritte Fotografie-Kuratorin einer jüngeren Generation in einem lesenswerten Interview ausführlich vorstellt. Danke dafür!

    Im April 2019 übernahm Linda Conze die Stelle einer Kuratorin für Fotografie im Museum Kunstpalast in Düsseldorf. Linda Conze hat Geschichtswissenschaften studiert. Den Weg zur Fotografie findet sie im Studium über den Text oder besser gesagt über ihr forschendes Interesse an dem Dialog und der Synthese von Bild und Text. Bilder verändern je nach textlicher Einbindung ihre Bedeutung und umgekehrt sendet ein Text je nach Bebilderung eine andere Botschaft. Das interessiert  die Historikerin. In einem Interview mit der Westdeutschen Zeitung sagt sie: “Schon meine Masterarbeit schrieb ich über ein privates Fotoalbum aus dem Nationalsozialismus. Mich interessiert die Rolle dieses Mediums im politischen Umbruch zwischen Weimar und dem Nationalsozialismus, also 1933 bis 1945.“ Welche Rolle Fotografie in Politik und Gesellschaft spielt, ist eine Frage, die Linda Conze immer wieder aufgreift.

    Linda Conze hat es sich in ihrer Funktion als Kuratorin dieser Sammlung zur Aufgabe gemacht, die Fotografie des Rheinlandes in einen überregionalen Kontext zu setzen. Das bedingt Ankäufe auf dem internationalen  Markt. Sie betrachtet die vielfältige Sammlung des Kunstpalastes nicht nur aus einer künstlerischen Perspektive sondern pflegt und entwickelt den Bestand auch aus der politischen und gesellschaftlichen Sicht der Geschichtswissenschaftlerin. Ihren übergreifenden Ansatz veranschaulichte sie in der Ausstellung „Sichtweisen. Die neue Sammlung Fotografie“, die sie 2019 kuratierte, in beeindruckender Weise. Es gelingt ihr, der Fotografie in ihrer ganzen Bandbreite von Möglichkeiten und Funktionen gerecht zu werden. Sie stellte beispielsweise ein Amateurfoto einer 60er Jahre Küche Arbeiten von Bernhard und Anna Blume gegenüber, die Absurdes aus dem Privaten zeigen. Das Nebeneinander von berühmten, vergessenen und unbekannten Fotografen und die gezeigten vielfältigen Funktionen und Kategorien der  Fotografie machen für mich den Charme dieser Ausstellung aus. Die fotografische Vermessung der Gesellschaft durch Otto Sander ist für die Kuratorin ein wichtiger Teil der Ausstellung. Auch hier offenbart sich der Blick der Historikerin. Fotografie legt Zeugnis ab von Geschichte und ist damit natürlich viel mehr als „nur“ künstlerisches Ausdrucksmittel. Die Ausstellung war gegliedert in 8 Kapitel Licht, Neugier, Dinge, Ordnung, Mensch, Alltag, Zeugnis und Raum. Die Kapitel sind nicht in sich geschlossen, viele Bilder lassen sich ohne Mühe verschiedenen Kapiteln zuordnen.

    Aktuell unterstützt Linda Conze die Modeikone Claudia Schiffer in Vorbereitung der Ausstellung „Captivate! Modefotografie der 90er.“, die am 15.September in Düsseldorf im Kunstpalast eröffnet. Zitat aus der Ankündigung: „Neben zentrale fotografische Werke großer Fotografinnen und Fotografen, die bis heute Kunst und Design inspirieren, tritt selten gesehenes Material.“ … „Die Ausstellung gibt Einblicke in eine diverse Bildwelt: Die Extravaganz des Oeuvres von Arthur Elgort tritt neben den intimen, unmittelbaren Stil von Corinne Day. Ellen von Unwerths Sinn für Humor und ihr überbordendes Spiel mit Sexiness treffen auf die skulpturalen, perfekt komponierten Bilder von Herb Ritts. Die provokanten Aufnahmen von Juergen Teller begegnen der Eleganz und Zeitlosigkeit von Karl Lagerfelds Fotografien.“

    Ganz wunderbar ist, das sich Linda Conze für einem interdisziplinären Zugang zur Fotografie stark macht. Sie lehnt Hierarchien von Gattungen ab. Aktuell interessiert sie sich für die soziale Wirkmacht von Fotografie und wie dieses Medium in der Lage ist, Gemeinschaftsgefühle zu evozieren. Fragen des Fotografiemarktes, so habe ich das Interview verstanden, sind für sie nicht an erster Stelle interessensleitend. In der Logik ihres fotografischen Erkenntnisinteresses, so vermute ich weiter, räumt sie der Amateurfotografie einen erheblichen Stellenwert ein. Einer Kategorie der Fotografie, deren künstlerische, soziale und politische Relevanz in einer von Linda Conze kuratierten Ausstellung in Düsseldorf sicher gut zur Geltung kommen würde. Das ist ein Anliegen, dass wir übrigens auch an das geplante Bundesinstitut für Fotografie herantragen.

    Ein Bildband zur Ausstellung „Sichtweisen. Die neue Sammlung Fotografie“ ist erschienen und man kann sich auf Youtube eine Führung mit der Kuratorin im Schnelldurchgang anschauen. Und man kann im September Modefotografie in Düsseldorf bestaunen.

    Christoph Linzbach



    https://photonews.de/

    https://www.kunstpalast.de/schiffer

    https://www.youtube.com/watch?v=lFin2CpOCiI