Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 27.06.2021 Hintergrundwissen

    Was ist Kunst ?

    „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“. (Karl Valentin)




    Die Verständigung darüber was ein Kunstwerk ist, ist weniger eine Frage der Wahrnehmung bzw. der Wirkung eines Werkes auf unsere Sinne, sondern eine Frage der geistigen Beschäftigung und des Verstehens eines Kunstwerkes und von Kunst insgesamt. Ich denke, man kann mit Recht formulieren, dass die Alltagsästhetik für den Kunstbegriff nur eine untergeordnete Rolle spielt. Ob wir etwas als schön oder häßlich empfinden, kann muss aber nicht zwingend etwas mit Kunst zu tun haben. Das gilt für die Malerei aber selbstverständlich auch für die Fotografie. Wer das Straßenschild auf seinem Lieblingsfoto retouchiert, ist ästhetisch aber nicht als Künstler unterwegs.

    Im philosophischen Diskurs über das, was Kunst ausmacht, werden regelmäßig Kriterien und Merkmale aufgerufen, die zu betrachten sich lohnt. Einige möchte ich hier nennen.  Zudem bin ich der festen Überzeugung, dass die Bestimmung von Kunst jeder Frau und jedem Mann möglich sein sollte und auch möglich ist. Damit wird dem willkürlichen Urteil keineswegs Tür und Tor geöffnet.  Wir werden sehen, daß Kunst zwar eine Frage der individuellen Erfahrung mit einem Werk ist, es aber für unser Kunstverständnis nicht unerheblich ist, wenn viele Menschen sich von einem Kunstwerk angesprochen fühlen.

    Da ist zunächst das Kriterium der Selbstverständlichkeit. Eine Tür ist eine Tür. Sie hat eine Funktion, über die wir nicht nachdenken müssen. Alleine die Tatsache, dass Kunstwerke in der Vergangenheit immer wieder zu Tumulten und manchmal auch zu Anschlägen geführt haben, zeigt dass der Kunst der Charakter der Selbstverständlichkeit fehlt. Kunst ist immer umstritten, auch wenn die meisten Reaktionen glücklicherweise zivilisierter ausfallen. Die Tatsache dass wir beispielsweise als Liebhaber der klassischen Malerei einen fixen von uns als selbstverständlich empfundenen Kanon von Kunstwerken im Kopf haben, den wir eher selten anzweifeln, beantwortet deshalb längst nicht die Frage, warum ein Werk zum Kunstwerk erklärt wurde. Die Werke eines Kanons sollten im Idealfall alle etwas gemeinsam haben, dass ihre künstlerische Qualität definiert. Ebenso die Werke, die in einem Museum hängen. Aber was ist das? Die Tatsache das Gemälde und Fotos in einer Ausstellung platziert sind, reicht als Begründung nicht aus.

    Eine Tür verstehe ich auf Anhieb. Ein Kunstwerk nicht. Über ein Kunstwerk muss man nachdenken. Es läßt sich nur durch die Erfahrung sprich durch eine intensive Rezeption begreifen. Nur durch die geistige Auseinandersetzung mit dem Werk kommt man seiner „Kunstwertigkeit“ näher. Ein Foto oder Gemälde wird nicht durch das Abgebildete zur Kunst, sondern durch die geistige Auseinandersetzung mit dem  Abgebildeten. Die Ästhetik des Abgebildeten ist nur relevant, insofern sie Teil der erfahrbaren Botschaft des Bildes ist. Es kommt bei der Frage, was Kunst ist, auf das Zusammenspiel zwischen der Erfahrung des Betrachtenden und dem was abgebildet ist an.

    Wichtig für die Definition von Kunst ist auch, dass ein Alltagsgegenstand einen Zweck erfüllt. Ein Kunstwerk erfüllt in diesem Sinne keinen Zweck. Kant spricht von Interessenlosigkeit. Ein Kunstwerk ist sich selbst genug, will kein Problem lösen und will uns auch nicht gefallen. Es spricht zu uns über sich selbst. Es will eine Botschaft senden, die uns anspricht, die bei uns ein Echo hervorruft. Kunst entsteht verkürzt gesagt beim Betrachten und Erkunden. Kunst ist das Ergebnis einer Praxis. Einen Gegenstand als Kunst zu erfahren, ist nichts Statisches sondern ein Prozess. Ein Kunstwerk ist nicht das Ergebnis einer willkürlich Setzung sondern einer Erfahrung mit einem Gegenstand zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten historischen Kontext. Kunst ist in diesem Sinne auch keine Frage der Erkenntnis oder der Empirie. Es geht nicht um intersubjektiv gültige Beobachtungen und kontrollierbares Messen. Es geht um die Praxis des Erfahrens, die sich jederzeit ändern kann.

    Deshalb ist völlig klar, dass kein Werk auf ewig ein Kunstwerk ist, sondern nur so lange wie wir es als Kunstwerk erfahren. Anders formuliert kann man sagen, dass es keine unveränderlichen Wesensmerkmale eines Kunstwerkes gibt. Ein Werk, dass vor 100 Jahren als Kunst erfahren wurde, müssen wir heute nicht zwangsläufig als Kunst betrachten. Unsere Praxis im Umgang mit diesem Werk mag heute völlig anders sein und damit auch die gewonnene Erfahrung. Nicht ohne Grund verschwinden Werke in den Depots von Museen. Sie werden hervorgeholt, wenn wir in der Lage oder willens sind, sie wieder als Kunst zu erfahren und zu begreifen.

    Wie bereits gesehen, eignet sich nicht jeder Gegenstand dazu, in uns eine Erfahrung hervorzurufen oder ein Echo zu erzeugen, dass ihn zur Kunst werden läßt. Ein Alltagsgegenstand spricht nicht zu uns. Er hat für uns einen praktischen aber keinen geistigen Wert. Das mag sich ändern, wenn wir den Alltagsgegenstand in einen nicht-alltäglichen Kontext setzen. Readymades sind ein gutes Beispiel für gelungene und umstrittene Kunstproduktion mittels neuer Kontextualisierung. Kunst eröffnet uns wie Heidegger formuliert einen neuen Blick auf Vertrautes und überraschende Perspektiven. Sie trägt zu unserer Selbstverständigung bei. Sie sagt uns etwas über unsere Welt. Sie hilft dem Betrachter, sein Verständnis über die Welt zu formulieren. Das mag von Betrachter zu Betrachterin variieren. Wichtig ist, dass ein Kunstwerk überhaupt geeignet ist, Menschen anzusprechen, oft mit unterschiedlichen Botschaften, aber immer ein wenig provokativ, kritisch und  in Frage stellend. Es kommt nicht darauf an, dass die Botschaften identisch sind, sondern dass eine Botschaft gesendet wird, die zum Nachdenken anregt. Nur dann kann das Werk beim Betrachter eine Resonanz erzeugen und zu einer Erfahrung führen.

    Christoph Linzbach