Fotografie News - Landesverband Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

  • 21.06.2021 Hintergrundwissen

    Die Schönheit zugemauerter Fenster

    Daylight Robbery



    Andy Billman hat dutzende zugemauerter Fenster in London fotografiert. Die so entstandene Serie soll zeigen, wie „Licht und Luft“ in der Architektur das Wohlbefinden der Bewohner berühren.  So der Text der Website des Fotografen, der sich besonders für umbauten und nicht umbauten Raum in London interessiert. Kompositorische Gesichtspunkte der Interaktion zwischen konstruierten Formen und unserer Umgebung spielen in seine Fotografie eine zentrale Rolle. Er möchte den Blick lenken auf Strukturen und Räume, die wir oft nicht bewußt wahrnehmen bzw. schnell  übersehen, die aber gleichwohl von elementarer Bedeutung für unser Lebensgefühl sind.

    Sein ursprüngliches Interesse galt also vor allem ästhetischen Fragestellungen, bis er feststellte, dass die Fenster schon vor Jahrhunderten zugemauert wurden, um Steuern zu vermeiden. Gleichzeitig ordnet er seine Fotos in die aktuelle Corona-Krise ein, die uns die fundamentale Bedeutung von Raum, Luft  und Licht für die Menschheit in einer neuen Perspektive erscheinen läßt.  Er sagt: „Die eigene Umgebung zu dokumentieren, um die Geschichte der Fenstersteuer in Erinnerung zu rufen, erscheint in einer Zeit sehr zu passen, in der das natürliche Licht und die frische Luft wieder eine ganz besondere Bedeutung bekommen.“

    Fenstersteuern wurden in England und Wales 1696 und in Schottland 1748 eingeführt. Je mehr Fenster ein Gebäude hatte, desto höher wurde die Steuerlast für den Eigentümer. Betroffen waren Häuser mit 7 oder mehr Fenstern. Eine progressive Steuer also, die ärmere Bevölkerungsschichten verschonen sollte.

    Der Haken an der Sache war, dass in städtischen Räumen zur damaligen Zeit ärmere Menschen in Wohnblöcken lebten. Da die Steuer auf die Zahl der Fenster pro Gebäude gerechnet wurde, war die Belastung der einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen entgegen der ursprünglichen Absicht hoch.  Die Kosten der Steuer wurden zumeist auf die Mieter umgelegt. Vermieter, die keine Umlage wollten, waren gezwungen Fenster zuzumauern. Mit fatalen Folgen. Es entstanden fast fensterlose Mietskasernen. Der Mangel an Licht und Durchlüftung hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Gesundheit der Bewohner. Eine Steilvorlage für Epidemien.

    Der Autor Charles Dickens wendete sich gegen die Steuer und sagte im Jahre 1850, dass das Licht und die Luft den Menschen mit der Einführung der Steuer nicht mehr länger  kostenfrei zur Verfügung stünden. Ein Zitat von Charles Dickens in englischer Sprache sei erlaubt: "We are obliged to pay for what nature lavishly supplies to all, at so much per window per year, and the poor who cannot afford the expense are stinted in two of the most urgent necessities of life.“

    Ich denke, man kann davon ausgehen, dass die damaligen Bewohner den zugemauerten Fenstern weder unter ästhetischen Gesichtspunkten noch aus anderen Grünen etwas Positives abgewinnen konnte. Heute sieht das anders aus, wie man in der Ausstellung „Daylight Robbery“, die als Teil des Londoner Architekturfestivals  vom 22. bis 26. Juni im Bermondsey Project Space zu sehen ist. Ein Besuch in London lohnt sich immer, derzeit ist vielleicht der Besuch der Website vorzugswürdig.

    https://www.andy-billman.com/